Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 15 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 15 welche die größten Güterkomplexe in der nördlichen Moldau gepachtet haben. Diese seien die Ausbeuter des Bauernstandes, das Unglück des Landes. Man müßte daher den Juden verbieten, Grundstücke zu pachten und ihnen überhaupt den Aufenthalt am Lande nur von Fall zu Fall gestatten. Vergeblich würde man darauf erwidern, daß ja gerade die reichsten Bojaren ihre Grundkomplexe an Juden verpachten, um ljohe Pachtzinse herauszuschlagen, und daß die Lage der Bauern überall eine schlechte sei. auch dort, wo keine jüdischen Pächter ansässig sind. Dieses Schlagwort „Gegen die jüdischen Pächter* ist so oft in der Presse, im Parlamente und im Senat wiederholt worden, bis es zum Ausgangspunkte der Bauernrevolten wurde. Aber nur zum Ausgangspunkte. Die Bauern bleiben nicht bei den Juden stehen. Sie fordern nicht bloß die Entfernung der jüdischen Pächter; sie verlangen billige Grundstücke. In den gutmütigen rumänischen Bauern wurde von den Bojaren die Bestie geweckt und nun zeigt die Bestie ihre Zähne. Der Jude, der ihr hingeworfen wird, genügt ihr nicht mehr; sie will Land, den Grund und Boden, der nicht den Juden, sondern den Bojaren gehört. Der rohe Antisemitismus, der bisher in Rumänien das Um und Auf aller Regierungsweisheit bildete, hat Erscheinungen herbeigeführt, die das Ministerium in seiner fanatischen Verblendung nicht geahnt hat Und nun werden plötzlich Reserven einberufen und Regimenter mobilisiert. Ob die Bauernunruhen in Rumänien durch das Militär im Keime erstickt, oder ob sie für dieses von einer korrupten Adelsklasse ausgebeutete Land eine katastrophale Bedeutung annehmen werden, ist schwer vorherzusagen. Denn wir stehen erst zu Heginn der Ereignisse. Unsere Sache wird es sein, diesem rückständigen Staate den oberflächlichen Kulturtünch vom Leibe zu reißen und ihn als das zu entlarven, was er ist: ein halbasiatischer, konstitutionell verbrämter Pasch alik. Wir wollen dann sehen, ob der europäische Geldmarkt diesem verrotteten Staatswesen das geplante Anlehen von 50 Millionen Francs bewilligen wird. L. * * * Die „Israelitische Allianz" in Wien schreibt uns: Bei der „Israelitischen Allian«" laufen fort und fort Schreckensnachrichten über die Plünderungen und Verwüstungen, die durch Bauernbanden in zahlreichen von Juden bevölkerten Städten der Moldau vorgenommen werden und über große Ansammlungen von Flüchtlingen in Czernowitz, Itzkany, Suczawa und anderen Grenzorten ein. Aus Suczawa wird der Allianz telegraphiert: „In Burdujeni, Buceca wurden sämtliche jüdische Geschäfte und Wohnhäuser ausgeplündert, üeber 1500 Personen auf österreichisches Gebiet geflüchtet. Sofortige Hilfe dringen d." — „Rumänische Bauern plündern alle Juden in Burdujeni und anderen Grenzstädten. Rumänisches Militär fraternisiert mit Bauern." Sofort beim Eintreffen der ersten Meldung hat der Vorstand der „Israelitischen Allianz" der Filiale in Czernowitz die notwendigen Mittel telegraphisch zur Verfügung gestellt, um die erste Hilfe für die notleidenden Flüchtlinge zu leisten. * * * Der „Hilfsverein der Deutschen Juden" in Berlin versendet nachstehendes Commiinique: „An den „Hilfs^erein der Deutschen Juden" gelangte am 15. März aus Elisabethgrad die traurige Nachricht, daß dort wieder ein Pogrom stattgefunden hat. Nach den Mitteilungen, die dem Hiltsverein zugingen, wurde ein Mann getötet, der eine mittellose Familie hinterläßt. Die Zahl der Verwundeten beträgt 30. Eine erhebliche Anzahl Häuser wurde geplündert und in mehr als 300 Läden und Häusern wurden die Fenster eingeschlagen. Durch energisches Einschreiten wurde der Plünderung und dem Blutvergießen zwar Einhalt getan und die Ruhe wieder hergestellt, aber die Erregung unter der jüdischen Bevölkerung dauert an. Für eine entsprechende Hilfeleistung hat der „Hilfsverein" der Deutschen Juden" die notwendigen Schritte unternommen. Dem „Hilfsverein der Deutschen Juden" ging weiter die Nachricht zu, daß auch in Rumänien die Hetze gegen die jüdische Bevölkerung in heftigster Weise betrieben wird. Am Mittwoch Abend, den 13. d., kam es zu einem regelrechten Pogrom in Podul-Iloaie, einem Orte zwischen Paschkany und Jassy. Der Krawall dauerte auch Donnerstag noch an. Ein Telegramm, das der „Hilfsverein der Deutschen Juden" über das Ereignis aus Podul-Iloaie erhalten hat, lautet: „Durch eine Plünderung unserer Stadt am letzten Donnerstag sind wir völlig verarmt. Es fehlt an Allem, helft." Der „Hilfsverein der Deutschen Juden" hat sofort eine größere Summe überwiesen, um der augenblicklichen Not zu steuern. Sollte die rumänische Regierung nicht der Polizei und dem Militär strikte Befehle erteilen, die Ausschreitungen energisch zu unterdrücken, so ist zu befürchten, daß die verarmte bäuerliche Bevölkerung die Plünderung der Juden fortsetzen wird und die russischen Pogrome sich in Rumänien wiederholen." Dr. H. K.: Fischhof und Masaryk. Unter den wenigen erfreulichen Erscheinungen des öffentlichen Lebens, dessen ganze Trostlosigkeit sich jetzt wieder in den Wahlprogrammen und Kandidatenreden der einzelnen Parteien und ihrer Wortführer zeigt, ist die Kandidatur des;1 Führers der realistischen, ''tschechischen' ' Volkspartei Professor Masaryk an erster Stelle zu verzeichnen. Er kandidiert in der tschechischen Kurie Mährens, im Wahlbezirke Neutitschein. Professor Masaryk ist kein Neuling auf parlamentarischen Boden. Er war bereits Abgeordneter des österreichischen Parlamentes, legte jedoch sein Reichsratsmandat nieder, weil er die Politik der jungtschechischen Partei, der er damals angehörte, nicht billigte. Masaryk hat eine über den Rahmen seines Volkes und Vaterlandes weit hinausragende Bedeutung als Politiker, Soziologe und Philosoph. Als Politiker steht Professor Masaryk in einer Reihe mit Dr. Adolf Fischhof: in seinem Wirken und in seinen Schicksalen. Was Fischhof von den Altliberalen und den übrigen Wortführern der deutschen Bourgeoisie schied, das trennt Masaryk von den Jungtschechen und den anderen Vertretern der tschechisch-bürgerlichen Politik. Beide erstrebten die Verständigung der Deutschen und Tschechen auf demokratischer Grundlage: den Völkerfrieden auf dem Boden der Völkerfreiheit. Beide jedoch fanden den erbittersten Widerstand bei ihren eigenen Volksgenossen. Als Adolf Fischhof im Jahre 1882 eine Einigung der wahrhaft freisinnigen Elemente der verschiedenen österreichischen Nationalitäten, die Bildung einer österreichischen Volkspartei auf Grundlage eines Programmes nationaler und sozialer Gleichberechtigung versuchte, da wurde er von den deutschliberalen Juden und den Schönerianern ebenso geächtet, wie später von czechischer Seite Masa^ ryks „Verrat am Deutschtum" erschallte aus dem Lager der A s s i m i 1 a n t e n als Antwort auf das Programm des Veteranen der Demokratie; von Seite jener jüdischen Politiker, die mithalfen, nicht nur Adolf Fischhof und die Demokratie zu meucheln, sondern die durch ihre unglückliche Nationalitätenpolitik auch den deutsch-