Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 15 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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SZQZ mmi-ZBZii^ JUDISCRPOUCISCRE WOCRBNSCRRIFC RER8ÜSG5B2R! Ors.R.LftNÖAU!! IX. JAHRGANG. WIEN, 22. MARZ 1907. No. 15. Die Judenverfolgungen in Rumänien. Und wieder dringen erschütternde Wehklagen aus Rumänien an unsere Ohren. T a us e n d e j ü d i s c h e F am il i en, fleißige, ruhige, friedliebende Bürger sind überfallen, geplündert und verjagt worden; sie werden aus ihren Betten gezerrt, von ihrem Herd gerissen, und müssen fort, von der Scholle, die sie geliebt, von ihrem Heim, das sie gepflegt, von ihrem Wohlstand, den sie sich erworben — um wenigstens ihr nacktes Leben zu retten. Und wir, die das Los unserer Brüder aufs tiefste erschüttert und im Innersten unserer Seele verwundet, stehen nun ratlos da. Wir können ihnen nicht helfen, ebenso wie wir den Opfern des reaktionären Zarismus nur mit stummem Mitgefühl die Hände drücken können. Die paar tausend Gulden, die die ,.Hilfsvereine" und „Allianzen" aufbringen, sie lindern kaum die momentane Not; die Vertriebenen bekommen für die erste Zeit ein Obdach und werden vor Hunger geschützt. Aber wer ersetzt' den Opfern der Volks-Raubzüge ihre verlorene Existenz, ihre psychische Pein? Wer schafft ihnen eine Sühne für ihre unter der stillschweigenden Zustimmung der Regierung niedergestampften menschlichen Rechte? Niemand, niemand! Sie haben keinen Beschützer, keinen Retter, keinen Helfer. Kein Volk, kein Parlament, kein Monarch nimmt sich ihrer an. Sie sind ja nur Juden. Einst, unter Disraeli und G-ladstone konnten die rumänischen Juden noch auf den Schutz der englischen Regierung rechnen-, auch das ist heute anders geworden. Und vielleicht ist das Alles gar nicht wahr, was die Zeitungen schreiben? Denn in Rumänien regiert ja ein deutscher Fürst; ein enger Verbündeter unserer Monarchie. Jener Karol, den das größte Wiener Tagblatt anläßlich seines Jubiläums einen weisen, guten . Monarchen nannte, einen Pazifikator, der dort unten, im einstigen Barbarenlande, gesittete, moderne Verhältnisse geschaffen hat. Leider sind die Schrecknisse, die an das Mittelalter erinnern, zu wahr. In den Dörfern der Moldau wurden alle jüdischen Meierhöfe niedergebrannt und deren Einwohner vertrieben; in den Städten werden die Juden belästigt, beschimpft und bedroht, von den Studenten, von den Gymnasiasten, die nicht einmal wehrlose Frauen schonen und unter dem Schutze der Polizei ihr bübisches Handwerk fortsetzen: das sind die Früchte des Bündnisses zwischen Lueger und Cantacuzene, zwischen Schneider und J orga, welches durch den grellen Schein der antisemitischen Brandstiftungen beleuchtet wird. Und diese Brandfackel, die in die friedlichen jüdischen Meierhöfe von den aufgehetzten Bauernhaufen geschleudert werden, lassen uns den ganzen Jammer der Judenfrage erkennen. Superkluge Politiker, nicht nur antisemitischer, sondern auch „liberaler' Couleur, versuchten die Judenmassakeres in Rußland damit zu erklären, daß die Juden dort an der Spitze der Revolution stehen und an den Fundamenten des Staates rütteln. Sie fanden es begreiflich, daß der Ozarismus und das ancien regime bestrebt, ihre Macht zu erhalten,Tausende von Juden abschlachten lassen. Herr Abgeordneter Dr. Kranialmeinte: „Wer Wind säet, muß Sturm ernten." Aber das trifft ja auf die Juden in Rumänien nicht zu. Hier gibt es keine revolutionäre Bewegung, an der sich die Juden beteiligen würden; sie sind politisch verläßlich, wenn man sie auch durch eine heimtückische Interpretation des Berliner Vertrages um ihr rumänisches Staatsbürger- und Heimatsrecht bestoh 1 en hat. Sie müssen die Blutsteuer leisten und gelten doch als Fremde; sie zahlen Steuern, aber sie haben kein Wahlrecht, keinen Zutritt zur Advokatie, zum Apotheker gewerbe, zur Benmtenkarriere. Im vorigen Jahre wurden zwei jüdische Familien in Podul-Turcutni und Burdujeni, ebenso die Herren Mendel in Braila und Leibovici in Galatz von Rumänen e r m o r d e t. Die Mörder wurden freigesprochen. Und trotzdem sitzen die rumänischen Juden ruhig; sie organisieren sich nicht,sie agitieren nicht; stumm und resigniert haben sie bisher ihr Schicksal der Entrechtung ertragen: im Lande der Konstitution. Das morsche, total durchseuchte und bankerotte Bojarentum hat aber einen Haken gefunden: die jüdischen Pächter, und unter ihnen die Gebrüder Fischer,