Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 14 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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SfNr. 14 »Nene Natlonal-Zeltung« Seite 11 HEUilL£E©N RÜBEN BKAININ: ißosa. (Der Roman^einer'jttdischenjStndentin.) (2. Fortsetzung.) Den Namen meiner Eltern verachtete er stets, und ich war in seinen Augen die Tochter einer niedrigen Nation, die nicht nach Pflicht und Gesetz lebte. Plötzlich fuhr das Kind aus dem Schlafe und rief: Mama! Mama! — Was fehlt dir, mein lieber Moses — rief Rosa mit tiefem Mitleid und machte sein Lager zurecht. Tn ihren Augen standen Tränen. Das Kind drehte sich zur Seite und zuckte in der Fieberhitze. — Er sagte Rosa mit verhaltenem Weinen - er hat jetzt alles verlassen ... Er zürnte mir noch, weil ich ihm, dem aristokratischen Abkömmling, keine gute Gefährtin gewesen für all die Ehre und Gnade, die er mir, der Jüdin, der Tochter des Händlers und Krämers, erwiesen, nachdem er meinen Stolz gebeugt und mich in eine Kammer sperrte , . . Rosa unterbrach den Lauf ihrer Rede. Schmerzvoll zuckte ihr Leib. Sie nahm ein Wolltuch und bedeckte den halben Oberkörper. Als ich merkte, welcher Schmerz bei der Erzählung ihre Seele bewältigte, suchte ich das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken, aber es war umsonst. Sie fuhr fort: — Als wir eine gemeinsame Wohnung bezogen, da fühlte ich bereits, daß wir uns von einander entfernen, daß wir einander fliehen, wie zwei Sterne am Himmel, aber schwer, ja fast unmöglich war es mir anfangs, mich den Fesseln zu entwinden, die er mir angelegt — oder besser gesagt: die ich mir selbst angelegt hatte. Etwas Unaussprechliches, aber gewiß nichts Gutes und Reines, beherrschte seine Züge. Ich hatte das Gefühl, daß er mich besudele, daß er tropfenweise mein Jugendblut aussauge, daß er alles Gute, Schöne und Reine in mir würge und töte. — Gleichwohl, ich ward gefangen in einem Lügennetze, aus dem es fast kein Entrinnen gab . . . Die Lippen des Kindes zuckten im Fieber; es streckte seine Händchen aus. wie um nach etwas zu gleiten, als ob es nach etwas verlange. Rosa fuhr zusammen und schrie auf, als ob jemand sie anfaßte: Was soll ich tan? Was tun? Wenn das Kind stirbt . . . Nein, wäre es nicht besser, als dieses Leben, wenn ich stürbe? Ohne Moses kann ich nicht leben, darf ich nicht leben . . . Mit vieler Mühe beruhigte ich das aufgeregte Herz der Mutter. Ich redete ihr zu, daß die Krankheit des Kindes ungefährlich sei. Als sie sich ein wenig gefaßt hatte, fuhr sie fort: — „Als mir Moses geboren wurde, suchte ich in ihm Trost und. Erholung von allen Leiden meiner Seele. Eine schwere bittere Zeit kam für mich, als ich das Kind zur Welt brachte. Aber ich hatte auch schöne Stunden. Ich stand damals vor den letzten medizinischen Prüfungen und deshalb mußte ich täglich nach der Universität und in das Krankenhaus gehen. Mutter, Kindermädchen und Studentin zu gleicher Zeit zu sein, — das war keine geringe Aufgabe. So schwer mir auch das Leben in der Gemeinschaft mit Martin fiel, meine Gefühle nahmen eine bessere Wendung, nachdem ich Mutter geworden. Wohl um des Kindes Willen begann ich wieder, den Vater zu lieben. Hart war meine Arbeit, sorgenvoll mein Leben, denn voller Schuld und Entbehrungen waren meine Tage. Aber nicht zu schwer dünkte mich mein Los, nicht fühlte ich seine Last, denn ich wußte, für wen ich jetzt im£ Lebenskämpfe, und süß wurde mir der Kampf. Damals war ich froh und heiter gestimmt, wenn ich sah. daß Martin das Kind auf seine Kniee nahm, und das Kindlein mit seinen Händchen seinen Bart streichelte. Und als Martin fühlte, daß mein Herz sich ihm zuzuneigen begann, daß ich mich ihm näherte, und er mir nicht mehr zur Last fiel, daß ich wiederum in der früheren Art ihn begehrte, da wollte er diese versöhnlichen und willfährigen Stunden für seine Zwecke benützen..... Aber diesmal irrte er. Diesmal blieben mein Leib und meine Seele stark . . . Nun wurden seine Besuche seltener ... Er begann, seine Offenbarungen einer anderen Freundin ins Ohr zu flüstern ... Rosa stockte ein wenig. Die Nacht war vorüber. Der Morgen begann zu dämmern. Die Bergesgipfel am fernen Horizonte tauchten wie eherne Riesen empor und fingen an, sich mit verschiedenen Gestalteu und Farben zu umkleiden. Ringsum vernahm man den Gesang der Vögeleiu. Alles erwachte zum Leben, zum Lichte. Nur diese Menschenrose ward geknickt und eingehüllt in eine schreckliche Nebelhülle. Sie saß neben dem Kinde und wandte kein Auge von ihm. — Sehen Sie! — rief Rosa, plötzlich in die Höhe fahrend — wie mein Kind atmet, es ist ihm besser, viel leichter ist ihm. — Ich sehe, ich fühle es; Moses schläft jetzt ruhig. . . . Oh, wie glücklich bin ich . . . — Ja, ich sehe, bekräftigte ich rasch ihre Worte, wie die Krankheit von ihm weicht. Dann fuhr sie in ihrer Erzählung fort. — Eines Tages, als ich der Demütigungen endlich überdrüssig war. gab ich ihm den Laufpaß, ich jagte ihn fort wie einen Hund. Wie schämte ich mich im Inneren meines Mitleides mit dem Kinde. Besser ist es, sagte ich mir, keinen Vater, als solch einen Vater zu besitzen. Und ich begann, das Recht des Kindes, sich selbst die Eltern zu wählen, zu begreifen. Ich wollte jetzt das Kind, allein zum Trotze, seinem Einfluß entziehen, um nicht noch größere Schuld auf mich zu laden. Anfangs wollte Martin nicht begreifen, daß dies mein letzter Entschluß sein könne. Er versuchte, mich zu überzeugen, mich zu gewinnen, zu begütigen, er sagte mir Worte der Liebe und Freundschaft, aber ich ließ ihn nicht einmal mehr über die Schwelle meines Zimmers, icli wollte ihn auch nicht wiedersehen. Ich war nun Mutter, und das genügte mir. . . . Ein auderes Glück wünsche ich nicht vom Leben, und wenn ich es wünschte, ich fände es nicht ... — Und dies ist der Weisheit letzter Schluß? — War es möglich, wie ich wollte, unter diesen Verhältnissen für die letzten Prüfungen zu arbeiten und zu studieren? Die materielle Lage meiner Eltern erfuhr eiue Aenderung zum Schlimmen, und sie konnten mir mein Monatsgeld nicht mehr senden. ... Ich versuchte, Arbeit für mich zu finden, damit ich und das Kind leben könnten. Und ich fand Arbeit, Uebersetzungsarbeit. Freilich mit Mühe, aber ich ernähre von dem geringen Verdienste wenigstens mein Kind. Bisweilen, wenn der Geist über mich kommt . . . — Dann schreiben Sie auch Gedichte . . . — Ja ... Es gibt Momente, in denen ich glaube, in denen ich fühle, daß ich eine Dichterin bin..... Aber die Uebersetzungsarbeit, mein schwerer Verdienst, haben allmählich in mir die Liederquelle verdorrt . . . ■letzt fühle ich mich wie zu neuem Leben erwachen. Von dem Momente, da ich Ihnen hier begegnete, erwachte in mir wieder jene Rosa, die Sie in den Tagen meiner Unschuld kannten . . . Jene Rosa, die noch nichts von dem Schmutze des Lebens wußte . .