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Neue Nationalzeitung · 1907-03-15 · Heft 14 (15.3.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 14 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 14 ►Neue National-Zeitung< Seite 7 Judenverfolgungen in Buinänien. Bukarest, anfangs Matz. Seit jeher schon herrscht in Rumänien ein tiefein- :gewurzelter Judenhaß, der oben bei der Regierung" — ohne Unterschied, ob liberal oder konservativ — beginnt und unten beim letzten Bauern endet. Dieses kleine, kirrtnrarme rumänische Volk verwendet jahrzehntelang seine ganze Kraft darauf, den Antisemitismus zur nationalen, spezifisch-rumänischen Spezialität auszubilden, so daß Rumänien schon in wenigen Jahren seiner Unabhängigkeit — kaum nicht mehr Paschalik — das geworden ist, was es werden sollte: Das Eldorado der Antisemiten! . . . Fast kein Mensch wagt es hier gegen diese bornierten Antisemiten seine Stimme zu erheben, und wenn -auch Herr Konstantin Mille, Chefredakteur der einzigfreisinnigen Zeitung „Adeverul", die — aller Menschlichkeit hohnsprechende Taktik seiner Glaubensgenossen in knappen Federstrichen hie und da zu brandmarken pflegt, so ist er leider bloß eine einzige Schwalbe, die bekanntlich keinen Sommer macht. Und da der Antisemitismus in diesem Balkanstaate ein stets anwendbares, jederzeit geglücktes Experiment tür alles politische Strebertum war und ist, so mühen sich Minister. Universitäts- und andere Professoren, ferner Staatsbeamte jeglicher Kategorie, Journalisten und selbst Kaufleute eifrig um die Wette: Das Feuer des Antisemitismus immerwährend zu schüren und den Brand stets neu anzufachen, um ihr Süppchen daran zu kochen____ Der Antisemitenhäuptling D u m i t r u N i c u J o rg a, seines Zeichens Professor an der Jassyer Alma Mater, auch gleichzeitig Herausgeber einer von giftigstem Judenhaß durchtränkten Zeitschrift: „Neamul Roman esc", kämpft in Wort und Schrift gegen die jüdischen Bewohner des Landes, bereist von Zeit zu Zeit die größeren Städte und hält allerorts Brand- und Hetzreden gegen die Juden. Ihm akkompagniert ein zweites Individuum aus Focschani: Frau T i z a Pavlescu. Eine Spezialität bildet der zweite Bürgermeister von Bukarest, Herr Ciurcu. Er hat sich urplötzlich als großer — Tierfreund entpuppt. Kaum war er aus Wien, wo er als Mitglied der Rumänen-Deputation weilte, wieder in Bukarest eingetroffen, quasi mit einem Fuß noch auf dem Trittbrett des Eisenbahn Waggons — als er auch schon im Gemeinderate einen Dringlichkeitsantrag auf Einführung des Schacht-Verbotes stellte, bei dessen Begründung er sich einer Sprache bediente, deren sich ein gebildeter Mensch schämen müßte. Die Herren Gemeinderäte saßen auf ihren Plätzen und "brüllten Beifall — war es doch wohlklingende Musik in den — ungewaschenen Ohren dieser famosen Stadtväter! (Der Redner wurde allseits beglückwünscht!) Um aber auch die Aufmerksamkeit der großen Oeffentlichkeit auf sich zu lenken, griff Herr Ciurcu zur Feder, und führte im antisemitisch-angehauchten „Universul" einen förmlichen Vernichtungsfeldzug gegen die Prozedur der jüdischen „Sehechitah". Die vor wenigen Wochen erfolgte Landesverweisung des Mayer Freud ist ein schlagender Beweis dafür, daß der Antisemitismus auch in den Minister-Salons herrscht. Der „Fall Freud" hat bei der Judenschaft des ganzen Landes berechtigte Mißstimmung erregt, wurde in kürzeren und längeren Artikeln in der jüdischrumänischen Presse besprochen, verdient aber auch in diesen Blättern behandelt zu werden, weil er uns den ungeschminkten Geist offenbart, der im „nichtantisemitisch" gesinnten Ministerium Cantacuzino herrscht, das derzeit am Ruder ist. Die Vorgeschichte hiezu ist folgende: Die Schiffahrtgesellschaft „Hamburg- Amerika-Linie" hat seit Jahren eine Filiale in Bukarest. Im ganzen Lande ist diese wohlbekannt, so daß jeder. der nach Amerika auswandern will, sich an diese Filiale zu wenden pflegt, wo ihm die geAvünschte Fahrkarte ausgestellt wird. Der Inhaber eines solchen Billets genießt den Vorteil, daß er bei seiner Ankunft in Hamburg von den Organen der „H.-A.-L." am Bahnhofe erwartet wird, welche ihm bis zur Einschiffung in jeglicher Beziehung zur Seite stehen. Nun beschlossen in Dobrogia mehrere Bauern, nach Kanada auszuwandern, um dort ihr Glück zu suchen. Zu diesem Zwecke wendeten sie sich an das Paßbureau der Pretektura in Constanza, wo ihnen der Chef des Paßdepartements nach Empfangnahme der erforderlichen Taxe die gewünschten Pässe anstandslos ausfertigte. Gleichzeitig verständigte er das Ministerium des Innern, daß elf Bauern, Costache, Vosile, Geras im, Mihai usw., wie sie alle noch heißen, dem Lande den Rücken zu kehren und nach Kanada auszuwandern beabsichtigen. Die Bauern ihrerseits reisten, nichts Böses ahnend, insgesamt nach Bnkarest, verfügten sich in die Filiale der „H.-A.-L.", wo sie die Reisebillets lösten. Hier wurden sie ausgeforscht und verhaftet. Die Reisepässe und Billets wurden ihnen abgenommen und der Leiter der Filiale „Hamburg-Amerika-Linie", Mayer Freud wurde widerrechtlich gezwungen, das Geld rückzuerstatten. Das Mnnisterium machte daraus eine cause celebre. Es trat schleunigst zu einer Konferenz zusammen und — siehe da, nachstehender einhelliger Beschluß wurde gefaßt: „Der Fremde, Mayer Freud, der es gewagt hat, Landessöhnen zur Auswanderung dadurch zu verhelfen, das er ihnen Fahrkarten ausstellte, muß binnen 24 Stunden das Land verlassen!" Nach Ablauf dieser kurzen Frist wurde Mayer Freud, Leiter der konzessionierten Filiale „H.-A.-L." gewaltsam von Weib und Kind erbarmungslos gerissen! — Polizeiliche Organe brachten ihn über die Grenze . . Und wer ist denn der „Fremde" Mayer Freud? Sein Urgroßvater ist bereits im Lande geboren. Er, Meyer Freud. hat die Militärpflicht seinem „Vaterlande" gegenüber gewissenhaft erfüllt! . . . „Die Anker werden gelichtet, Die Fahrt ins Elend geht Und Carmen Sylva dichtet Ein Lied an die Humanität!'' \\~. Nachschrift der Redaktion: Die bedrohlichen Formen, die jetzt der Antisemitismus in Rumänien annimmt, schildert die Wiener „Zeit" vom 13. d. M. folgendermaßen : „Die Juden hetzen in Rumänien, über die wir unlängst berichtet haben, sind leider nicht vereinzelt geblieben. Seit einigen Tagen ist wieder eine große Bewegung gegen die Juden zu verzeichnen, die deswegen gefährlich ist, weil sie von Bauern und nicht von der städtischen Bevölkerung ausgeht und weil die Regierung machtlos ihr gegenübersteht. Im ganzen nördlichen Teil von Rumänien, der zwischen die Bukowina und Bessarabien eingekeilt ist und wo die Städte und Märkte von einer dichten jüdischen Bevölkerung bewohnt sind, bilden sich Züge von Hunderten von Bauern, die in die Städte eindringen und gegen die Juden demonstrieren. In den Dörfern sammeln sich die Bauern vor den Häusern der Juden und verlangen, daß diese die Dörfer verlassen. Bis jetzt ist es zu keinen Tätlichkeiten gekommen, weil die Behörden die Beschlüsse der Bauern gutgeheißen haben und die Juden siehnicht widersetzten, sondern der Aufforderung, die Dörfer zu verlassen, sofort Folge leisteten. Diese ruhige Stimmung wird wahrscheinlich uicht lange andauern, und schon jetzt sind in Bukarest Meldungen eingetroffen, daß die Bauern das Städtchen Tirgul- Frumos in der Nähe von Jassy in Brand setzen wollen. Mit großer Spannung wird den weiteren Ereignissen entgegengesehen und man befürchtet, daß diese Bewegung zu großen Pogroms führen Vönn*Q—

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