Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 14 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 »Neue National-Zeitung< Seite 5 sie so unpolitisch sein, um jetzt freiwillig Opfer der Tartüfferie und Doppelzüngigkeit eines Geßmann und Konsorten zu werden? Die Strafe, die dieser Selbsttäuschung folgen würde, wäre eine zu harte und darum wird jeder Jude, dem das Schicksal seiner Glaubensgenossen am Herzen liegt, das von Tartüfferie erfüllte Wahlmanifest der Christlichsozialen nur als eine Mahnung betrachten, doppelt auf der Hut zu sein. Es ist die Pflicht der Selbsterhaltung, die die Juden in Oesterreich vor dem Irrwahn schützen muß, daß ihre grimmigen Hasser den Kampf gegen sie eingestellt haben, weil sie es aus diplomatischen und taktischen Gründen für opportun erachten, diesen Kampf nicht offiziell zu verkünden. Man lese das von Haß und Verleumdungssucht diktierte Wutgeheul, welches gerade in den letzten Tagen die christlichsozialen Parteiblätter gegen die Juden ausstoßen und man wird den Wert der Geßmannischen Diplomatie zu würdigen wissen. Nun sind sie zweifach gefährlich: Nach oben wollen sie sich durch ihr doctrinäres Manifest, das mit dem Tag verschwindet, als regierungsfähig erweisen, in ihren täglich erscheinenden Blättern wird aber die Hetze fortgesetzt. Simson. Zur Vorgeschichte der galiziscilen Stiftung des Baron Hirsch. (Ein Stück Zeitgeschichte.) Wenn man heute die Städte und volksreichen Dörfer Galiziens durchzieht, in denen Baron Hirsch- Schulen bestehen und sieht, wie unangefochten und ruhig diese vor sich hinleben, wie sie in die Gemeiuden förmlich eingewachsen sind, als ob sie autochton wären, als ob es nie anderes gewesen sein konnte, so merkt man es ihnen wahrlich nicht an, daß noch vor 15 Jahren stürmische Kämpfe sie bei ihrer Gründung umtosten. Man fühlte sich versucht, ihnen eine kleine Dosis dieser Kämpfe zurückzuwünschen, um sie aus der einschläfernden Sicherheit der beati possidentes ein wenig aufzurütteln und das Leben frischer pulsieren zu machen. Die Gemeinden von heute wissen die Wohltaten nicht mehr wie ehedem zu schätzen, da sie sicher besitzen; die Lehrer der Stiftungsschulen von heute kamen in ein völlig geordnetes Hauswesen und setzten sich an den sauber und sorgfältig gedeckten Tisch. Etwas Kampf wäre also diesen Schulen schon zu gönnen, damit frischer Idealismus, wie er bei ihren Gründungen große Teile der Bevölkerung und die Lehrer belebte, in diese Schulen, die ja ein wahres Geschenk Gottes sind, wieder einziehen. Wir erinnern uns noch gar wohl der schweren und oft widrigen Kämpfe, die sich der Baron Hirsch-Stiftung in Galizien entgegentürmten und das Kulturwerk fast zum Scheitern brachten; in Galizien, wo Baron Hirsch noch vor seiner Stiftung der wachsenden Verarmung zu Hilfe kam, indem er in Krakau und Lemberg Wohltätigkeitsbureaus errichtete, die jährlich über 100.000 fl. zu verschenken hatten. Das half ihm aber alles nicht. Als er den Plan für seine Schulstiftung ruchbar werden ließ, machten gerade jene die größten Schwierigkeiten, durch deren Hände er das edle Werk seiner Wohltaten vollziehen ließ. — War das ein Lärmen, Schreien und Drohen, als er seine Stiftung zu kreieren sich anschickte und den Sitz des Kuratoriums in Wien bestimmt wissen wollte, wo sie, entrückt aller nationalen und politischen Agitationen, fern von jedem Chauvinismus und Parteihader, friedlich ihres heiligen Amtes walten, befruchtende Kultur pflegen sollte. Die Männer in Wien, die das Kuratorium bilden sollten, wurden in der chauvinistischpolnischen Presse Börsenjobber betitelt, und als ob sie sich hier bereichern wollten, wurde ihnen zugerufen: hands oft! Die jüdischen und nichtjüdischen Polen hielten erregte Konventikel ab. Und alles das nicht etwa um Erwerbung idealer Güter willen, sondern einzig allein darum, weil die Zentralleitung der Stiftung nicht in Lemberg, sondern in Wien sein sollte. Das Stiftungswerk drohte zu scheitern. Die Leidenschaften, welche diese Kämpfe aufgewühlt, warfen so bedrohliche Wellen, der Fanatismus, der künstlich angefacht wurde, wirkte so nachhaltig, daß weder Baron Hirsch, noch seine Mitarbeiter selbst dann noch mit Zuversicht an das Gelingen des Kulturwerkes glaubten, als die Regierung sich endlich herbeigelassen, die so vielfach gemarterten und gepreßten Statuten der Stiftung zu genehmigen. Baron Hirsch hatte das ursprüngliche Vertrauen und die große Freudigkeit, die er dem Plane zu dem Kulturwerk entgegenbrachte, verloren und brachte die Zweifel auch in dem Statut der Stiftung zum Ausdruck. Dort heißt es (Art. XXIV) in einem Passus, dessen Aufnahme er sich förmlich erkämpfen mußte, wörtlich: „Wenn sich nach wenigstens fünfjähriger Wirksamkeit der Stiftung zeigt, daß infolge von aus der Mitte der israelitischen Bevölkerung in Galizien und der Bukowina selbst dem Kuratorium in der Durchführung seiner statutenmäßigen Pflichten bereiteten Schwierigkeiten der (Art. IIa) festgesetzte Stiftimgszweck nicht mit Erfolg zur Ausführung gebracht werden kann; wenn der erwähnte Zweck überhaupt oder infolge Eintrittes unvorhergesehener Ereignisse nicht mehr erfüllt werden kann; hat die durch gegenwärtiges Statut geregelte Stiftung aufzuhören und erfolgt die Umwandlung dieser Stiftung in eine neue unter dem Namen: Baron Hirsch-Stiftung für humanitäre Zwecke und zur Unterstützung von Handwerk und Ackerbau unter den Israeliten von Oesterreich/1 Um nun einen tieferen Einblick in die Vorgeschichte der Stiftung zu ermöglichen, werden wir hierüber eine Reihe von bisher der Oeffentlichkeit ganz unbekannten Briefen des Baron Hirsch zum Abdrucke bringen. Hier bringen wir vorerst einen Brief des Baron Hirsch an den Minister-Präsidenten Graf Taatfe, betreffend die Statutengenehmigung: Baron Moriz Hirsch au den Ministerpräsidenten Graf Taatfe. Euere Exzellenz! Dem hochgeehrten von Ew. Exzellenz an mich gerichteten Schreiben ddto. Wien, 31. Mai 1890 habe ich zu meinem Bedauern entnommen, daß die hohe Regierung bei Erledigung des von meinem Bevollmächtigten, Direktor Dr. Joly, für die von mir projektierte Stiftung vorgelegten neuen Statutenentwurfes, ungeachtet die Gewährung von Darlehen und Unterstützungen aus dem Stiftungszwecke eliminiert worden war, *) sich nicht bestimmt gefunden hat, alle früher gegen die projektierte Organisation der Stiftung erhobenen Bedenken fallen zu lassen, sondern daran festzuhalten findet, daß die Hälfte der Kuratoren von der hohen Staatsverwaltung ernannt werden sollen. Ich darf für mich das Zeugnis in Anspruch nehmen, daß bei der ersten Verhandlung, welche über die Statuten mit dem hohen Ministerium für Kultus und Unterricht *) Es geht ans diesem Briete authentisch hervor, daß die Regierung den Baron Hirsch gehindert hat, mit der Schnlstiftnng für Galizien auch eine Wohltätigkeitsstiftung zu verbinden. Das geschah jedenfalls über Veranlassung der Führer des Polenklubs, die am liebsten das Geld der Stiftung in die eigenen Taschen stecken möchten. Dies hat anch unser Herausgeber Dr. Landau dem Landsmannminister von J^drzeowicz öffentlich nachgewiesen. Die Redaktion.