Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 14 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 »Neue Natlonal-Zeitung« Nf. 14 Das Wahlmanifest der Christlichsozialen. (Wie wird man regierungsfähig-?) Die cbristlichsoziale Partei in Wieii hat von ihrem Entstehen bis auf den heutigen Tag sich insbesondere durch zwei charakteristische Eigenschaften ausgezeichnet: durch eine unerhörte Großmäuligkeit und beispiellose Tartufferie. Das „Manifest", mit welchem die christlichsoziale Partei nunmehr unter Führung des „Feldmarschalls" Geßmann und seines fürstlichen Intimus, des Landmarschalls Liechtenstein, in übermütigem Siegesbewußtsein offiziell in den Wahlkampf zieht, zeigt diese beiden Eigenschaften in der üppigsten Blüte. Die größten Parteien, die ausschlaggebend im Parlamente waren, hatten stets nur ein „Programm"; die christlichsoziale Partei, die eine führende Rolle im künftigen Reichsrat zu spielen erst ambitioniert, tritt mit einem „Manifest" hervor! Wie der Herrscher eines mächtigen, völkerreichen Staates in wichtigen Epochen ein „Manifest an seine Völker!" veröffentlicht, so richten Geßman und Liechtenstein ein „Manifest" an die Völker Oesterreichs im allgemeinen und an die Deutschen insbesondere, um sie aufzufordern, sich beruhigt und getrost der Führung der Christlichsozialen anzuvertrauen, die das Heil, das Glück und den Sieg aller will. Man müßte das Wahlmanifest der Christlichsozialen Punkt für Punkt glossieren, um dessen anmaßende Groß mäuligkeit zu illustrieren. Aber es genügt auf zwei Momente hinzuweisen, um die abgrundtiefe Tartufferie zu kennzeichnen, welche diesem Schriftstücke jene Elastizität verleiht, die man vollkommenen Werken zuerkennen muß. Welches waren die Schlagworte, mit denen die christlichsozialen Volksverhetzer auf die rohen Instinkte der Massen spekulierend, ihren Siegeslauf, in Wien und in Niederösterreich, antraten? „Schlagt, erschlagt die Juden!" — so hieß es in der radikalen Sprache Schneiders, der zu den intimsten Freunden und Kampfgenossen Luegers zählte. „Boykottiert die Juden! Hungert sie aus! Drängt sie zurück!" — hieß es in der — milderen antisemitischen Tonart, Aber in einem waren die christlichsozialen Parteiführer samt und sonders einig: in den öffentlichen Beratungskörpern wie in den Versammlungen überboten sie sich in der Beschimpfung der Juden, die sie stets als Schädlinge der Gesellschaft, als die Träger der Korruption und der Unsittlichkeit hinstellten. Die schamlosesten Besudelungen der Juden bildeten jahraus jahrein den Hauptprogrammpunkt der Christlichsozialen, in ihren damaligen geschriebenen und gesprochenen Manifesten. Nun aber sehe man, was christlichsoziale Tartufferie vermag: In dem letzten „Wahlmanifest" der Christlichsozialen glänzt die „Judenhetze" durch ihre — Abwesenheit! Selbst der Kampf gegen den „jüdischen Geist", von dem ein paarmal schüchtern die Rede ist, wendet sich eigentlich gegen die — sozialdemokratische Partei, die naturgemäß sich nur zu einem Bruchteile aus Juden rekrutiert! Die christlichsozialen Parteiführer sind, das muß ihnen ihr Feind lassen, erhaben über den Verdacht, daß sie von Reue erfaßt, ihren Judenhaß etwa über Nacht überwunden hätten. Aber sie sind, das müßten ihre Freunde zugeben, Tartuffes genug, um den Hauptpunkt ihrer Parteipolitik in dem Momente zu verschweigen, wo ihnen das Schweigen zur Förderung ihrer Zwecke dienlich erscheint. Die christlichsozialen Parteiführer wissen, daß ihr Evangelium des Judenhasses tief genug in die Seelen ihrer gläubigen Anhänger gedrungen ist, sie wissen, daß die momentane Ausschaltung des Antisemitismus aus ihrem Manifest nicht die Ausschaltung der antisemitischen Gesinnung aus den Herzen und den Geistern ihrer Parteiangehörigen bedeutet. Aber die christlichsozialen Parteiführer glauben auch, daß der Zeitpunkt gekommen ist, wo sie durch die Ignorierung des antisemitischen Glaubensbekenntnisses auf dem Papiere schon den Beweis der Regierungsfähigkeit erbracht hätten. Man spricht nicht vom Antisemitismus, weil man hoffi, ihn dadurch umso eher praktisch verwirklichen zu können. Die Herren sind wirklich schlau. Sie sagen sich: War es bis jetzt schon möglich, durch Umgehung der Staatsgrundgesetze jüdische Lehrer und Beamte um ihr Recht zu prellen, um wie viel besser und gründlicher könnte das besorgt werden, wenn ein noto rischer Antisemit Justizminister wird? Sie denken: Hat man es schon bisher trefflich verstanden, die armen und ärmsten der Juden durch gewerbliche „Reformen" dem tiefsten Elende, der bittersten Not zu überliefern, welch* grandiose „ Reformen-' wird man unter der Aegyde eines antisemitischen Handelsministers ausführen können! Um diesen Preis darf die theoretische Hetze schon ein wenig zurückgestellt werden Die Christlichsozialen waren stets zu allem fähig. Jetzt zeigen sie. wozu sie imstande sind, um als regierungsfähig zu erscheinen. Um sich als regierungsfähig zu erweisen, verschweigt das Wahlmanifest der Christlichsozialen nicht nur zart den Antisemitismus, es schwingt sich zu einer zweiten Kraftleistung empor und verleugnet direkt den Klerikalismus. Die Geßmann und Liechtenstein, die bei jeder Gelegenheit sich als die Schleppträger der Klerikalen erwiesen, die selbst klerikal bis auf die Knochen sind, erklären plötzlich, es sei eine Verleumdung, wenn man ihre Partei als eine klerikale bezeichnet. Ist das nicht der Gipfel der Tartufferie? Das geht sogar dem „Vaterland" gegen den Strich, demselben „Vaterland", das mit der christlichsozialen Partei so sehr durch dick und dünn ging, daß es selbst einen Mechaniker Schneider unterstützte, der Päpste öffentlich als bestochene „ J u d e n k n e c h t e" brandmarkte. Das „Vaterland" wehrt sich gegen die Tartufferie Geßmanns, der eine falsche Definition des Klerikalismus gibt, um dann stolz sagen zu können : Wir sind keine Klerikalen. Die Doppelzüngigkeit Geßmanns, die einst — es ist lange her — den kühnen Versuch nicht scheute, den Beweis zu erbringen, daß die Grundzüge der Demokratie — die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verkündet — mit dem Prinzip des Antisemitismus vereinbar seien, der auf der Unfreiheit, Ungleichheit und Haß aufgebaut ist, hat sich in dem Wahlmanifest der Christlichsozialen die Lösung einer nicht geringeren Aufgabe gestellt. Aber es fragt sich, ob mit Erfolg. Die deutscheu Parteien in Oesterreich werden sich kaum entschließen, die Christlichsozialen, die sich bisher im Parlamente so oft als tückische Feinde der Deutschen verrieten, jetzt als die berufenen Vertreter des Deutschtums zu feiern. Aber noch unfaßbarer erschiene es, wenn die Juden in Oesterreich, die Jahrzehnte hindurch Opfer der böswilligsten Verfolgungssucht der Christlichsozialen waren, dies plötzlich vergessen sollten. Die Juden waren unausgesetzt der antisemitischen Hetze preisgegeben, sie wurden, Dank der geduldeten Mißachtung der bestehenden Gesetze, in ihren heiligsten Gefühlen verletzt, in ihrer Ehre, in ihren Rechten gekränkt, in ihrem Kampf ums Dasein gehindert und gestört, und all das geschah unter der Aegyde des Lueger, Liechtenstein, Geßmann etc. Werden die Juden so lächerlich naiv, so verbrecherisch unklug sein, sich durch das platonische Schweigen in dem Manifest einlullen zu lassen? Werden