Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 13 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 »Neue National-Zeitung« Seite 11 XCUiLLSBON RÜBEN ISUAINIX: R()sa (Der Ronian£einer jüdischen Studentin.) (1. Fortsetzung.) Ich lernte sie kennen. Wir besuchten ^zusammen die Vorlesungen über Philosophie und die schönen Künste. Wir gingen gemeinsam in die Gemälde- und Skulptureuausstellungen, zu Liederabenden, in die Schauspielhäuser, und manchmal machten wir Ausflüge in die schöne Umgebung der Stadt, in der wir uns aufhielten. Ich fühlte es, wie ihre Gegenwart mir das Verständnis der Statuen, der Bilder, des Gesanges, der Naturbetrachtung, der Vorlesungen des Lehrers erleichterte. Alle Bewegungen ihres Körpers, jeder Laut der ihrem Munde entströmte, jeder Blitz, der aus ihrem Auge schoß, waren von einer einzigartigen, unvergleichlichen Schönheit und Anmut. Wir träumten gemeinsam unseren Zukunftstraum. Unsere Phantasie sah ein Königreich der Schönheit sich über die ganze Welt verbreiten, dessen Stammsitz, wie ich hoffte, in Jerusalem, wie sie hoffte, in Bukarest sein sollte, in der Tat, unsere Ueberzeugungen und Hoffnungen besaßen viele Aehnlichkeit. Ich, ein Jude, der die Renaissance seines Volkes ersehnte, sie, eine Jüdin, die die Renaissance der Rumänen ersehnte oder mindestens zu ersehnen glaubte. Nicht lange dauerten diese Tage des Glückes. Eines Tages lernte sie einen rumänischen Arzt kennen. Halb Agitator, halb Gelehrter war er häßlich bis zum Ekel, doch eine Hünengestalt. Seit jener Zeit begann Rosa sich mir zu entfernen und unseren Verkehr zu vernachlässigen. Dies alles geschah ohne Absicht, Wenn Rosa kam, dann war auch der rumänische Arzt zugegen. Auch er besuchte täglich die Vorlesungen über Psychologie und die schönen Künste, auch er begann die Museen und Theater zu besuchen, Stätten, die bis dahin sein Fuß nie betreten hatte. Und als ich merkte, daß Rosas Seele sich von mir abgekehrt, als ich sah, daß sie beschämt ward oder fürchtete mir zu begegnen, daß sie, wenn wir uns trafen, gezwungene, kurze, abgerissene Worte hervorbrachte und mir nicht ins Auge zu schauen wagte — als ich dies alles sah, reiste ich nach einer anderen Universitätsstadt ab. Dann begann ich zu fühlen, daß ich sie liebe, gleichwohl ich zu ihr niemals davon gesprochen hatte. Nun saß ich in ihrer Stube. Klein und niedrig war der Raum. Eine Lampe hing auf dem Plafond und verbreitete Licht auf die wenigen Möbel. Das Kind lag im Bette und atmete schwer. Neben dem Bette standen zwei Stühle, einer an der Seite, der andere zu Füßen des Lagers. Wir setzten uns. Ich betrachtete das Gesicht des Kindes, das im Schlafe stöhnte.--— Sein Haar wrar schwarz und gekräuselt wie die Haare der Mutter, die Augenbrauen waren lang und seidenartig. Die Farbe der Augen sah ich nicht, denn sie waren geschlossen. Das Kinn war kräftig und voll. Rund und voll wölbten sich die Lippen. Der obere und untere Teil des Gesichtes disharmonierten vollends. Etwas Eigenartiges bot der Anblick dieses Kindes, denn es war ein Mischling zweier Rassen. Die beiden Blutarten, denen es seine Existenz verdankte, blieben unausgeglichen, denn der Anteil jeder der beiden war noch deutlich zu erkennen. Nicht erfreulich war der erste Eindruck, den ich von dem Kinde empfing. Obwohl der Anblick eines schlafenden Kindes für mich immer etwas Erfreuliches ist, das mir wie eine Botschaft des Friedens und der Ruhe erscheint,£so beschlich dieses Bild meine Seele mit Bitternis, als ich in des schlummernden Kindleins Antlitz die Züge des rumänischen Typus erkannte. Es war mir klar, wer der Vater dieses Zwitterkindes sei. Einige Minuten, wie lange weiß ich nicht, verstrichen uns in tiefem Schweigen. Stumm, voller Schmerzen, verwirrt und zitternd saß sie da. Man sah wie eine innere Kälte ihren ganzen Körper durchbebte. Auge und Ohr lieh sie ganz ihrem Kinde. Jede Bewegung, jedes leise Zittern eines Gliedes trat ihren Körper wie ein elektrischer Funke. Ich fragte sie nichts mit dem Munde, nur mit den Blicken. Ich betrachtete Rosas Antlitz und staunte über die gewaltige Veränderung, die Falten und Furchen, welche die sechs Jahre, während denen wir uns nicht gesehen, gegraben hatten. Der Ausdruck inneren Leidens, mit einem eigenartigen Zuge durchgeistigter Schönheit gepaart, waren in allen Linien ihres Antlitzes und in ihren Bewegungen zu lesen. Rosa war noch schön, lieblich und voller Anmut, aber es war die Schönheit einer Herbstblume, die Lieblichkeit des Seelenschmerzes, die Anmut der Verzweiflung. Als ich die Haare des kranken Kindes streicheln wollte, berührten meine Finger Rosas Hand. Und da fühlte ich, wie feine Zauberfäden sich zusammensponnen und von dem Weibe, das mir so ganz nahe saß, ausgingen. Und die Fäden erweiterten sich zum Netze, das in mein ganzes Innere verwebt ward. — Es ist nicht wahr, was das Sprichwort sagt, daß „nur der Held der Göttergleiche" sei. Nicht die Menschenkraft, nicht der Athlet, nicht der Riesenmann ist der Stärkere, der Sieger und Zwinger im Daseinskampfe, sondern der Kluge, die Schöne, der Schlaue sind die Mächtigeren, die Herrscher. Was bedeutet Heldengewalt gegen die zarten und die schönen Zauberwaffen eines Weibes? Was vermag die Faust und die Muskelgewalt gegen den Blick eines schönen Weibes? Sie sind Sieger über den Helden, er ist schwach und ohnmächtig. Mit der Hände Gewalt kann nicht alles erobert werden. Anders ein schönes, kluges, zartes Weib. — Sie dringt in das Innere, manchmal auch in die Seele und die tiefsten Kammern des Herzens. Leicht ist ihr Sieg und schön ohne Gewaltanstrengung, ohne verzerrte Bewegungen. Wir beugen uns vor ihrer Gewalt, wir wollen und wünschen, von ihr besiegt zu werden. Wir folgen ihren feinen, zarten Spuren. Tief und schön ist ihr Sieg. — Donner und Blitz unterbrachen plötzlich die schweigende Stille. Dicke Regentropfen begannen auf die Fensterscheiben herniederzufallen. Des schlafenden Kindes Atem ging jetzt ruhig. Sie begann zuerst: .... Wie es scheint, wissen Sie nichts von all dem, was mir begegnet, seitdem wir einander aus dem Augen verloren. Ihre Stimme war die Stimme eines elenden Weibes. Man merkte darin etwas wie einen Vorwurf gegen mich, daß ich sie die Jahre hindurch vergessen, seitdem sie mir oder ich ihr entschwunden. — Nichts erfuhr ich, denn seitdem er gekommen war .... — Ja, Ja.. .. unterbrach Rosa meine Entschuldigung. Wiederum unterbrach sie. Die Lippen des Kindes stammelten im Schlafe unzusammenhängende Worte. Rosas Mundflügel bebten. Man merkte deutlich, wie sie mit dem letzten Aufgebote ihrer Kräfte gegen die Stürme ihrer Seele ankämpfte. Der Regen hörte auf, draußen herrschte Stille, innige Freude.