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Neue Nationalzeitung · 1907-03-08 · Heft 13 (8.3.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 13 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 13 >Neue National-Zeitung Seite 9 Nationalfesten kund, besonders aber am Purimfeste, da in der Judengasse tolle Ausgelassenheit herrscht zum Andenken an den Sieg Morderhais über Haman. Die Purim-Maskenzüge der Czernowitzer Juden scheinen aber bei der Staatspolizei übel angeschrieben zu sein, denn von Jahr zu Jahr, wenn die modernen Esters und Morderhais zu fantastischen „Masken" Vorbereitungen treffen, meldet sich auch die k. k. Staatspolizei mit einer Verordnung, welche den Juden den Spaß verderben soll. Anläßlich des heurigen Purimfestes erließ unsere Polizeidirektion die folgende „Kundmachung", welche vielleicht einmal noch als historisches Unikum einen Wert besitzen wird. Die Kundmachung lautet: „1. Bei den am Purimfeste der Juden zu veranstaltenden Maskenumzügen dürfen nicht zur Anwendung kommen: a) Masken zur Nachahmung von lebenden Persönlichkeiten-, b) österreichisch-ungarische Uniformen und denselben anfallend ähnliche Kleidungsstücke; c) die Tracht geistlicher und Ordenspersonen und denselben auffallend ähnliche Gewänder; d) Kostüme, welche die Sitte und den Anstand zu verletzen geeignet wären. 2. Die Passage auf öffentlichen Plätzen und Straßen darf durch die Maskenumzüge nicht gehindert werden. 3. Das Benehmen der Maskierten darf nicht ärgerniserregend, beleidigend oder sittenverletzend sein. 4. Ohne die Maskemvmzüge zeitlich zu beschränken, darf die Nachtruhe nicht gestört werden. Uebertretungen vorstehender Bestimmungen werden mit Geldstrafen von 2 200 Kronen bezw. mit Arrest von 6 Stunden bis 14 Tagen geahndet". Der Polizeierlaß, der sich auf eine Verordnung aus dem Jahre 1854 bezieht hat die Pnrinrfreude unserer Juden Stadt nicht im geringsten zu beeinflussen vermocht. Es ging trotzdem hoch her und der gesunde Volksinstinkt hat über die jüngsten politischen Vorgänge durch manche gelungene „Maske" treffende, wenn auch mitunter drastische Krikit geübt. Budapest. (Orig.-Korr.) Eine interessante, und für die orthodoxen Juden Ungarns wichtige Entscheidung hat in den jüngsten Tagen der Verwaltungsausschuß des Somogyer Komitates gefallt. Nach Auffassung des gläubigen Juden ist am Sabbat jede Arbeit verpönt, und wenn sich diese Arbeit auch auf das Tragen eines Gebetbuches außerhalb eines geschlossenen Raumes beschränkt. Um nun aus der betreffenden Stadt ein abgeschlossenes Ganzes zu machen, wird der „Ereb" in Form von Drähten um die Stadt gezogen, wodurch der ganze Ort quasi als ein einziges Haus erscheint. Die Gemeindevorstehung der im Somogyer Komitate gelegenen Ortschaft Tab hat nun die Entfernung des „Ereb" angeordnet, mit der Motivierung, „diese Sitte lasse sich mit dem modernen Zeitgeiste nicht vereinigen". Der Vizegespan, bei welchem die Berufung angewendet wurde, entschied sich für die Beibehaltung des alten jüdischen Brauches, während sich der Verwaltungsausschuß den Beschluß der Gemeindevorstehung zu eigen machte und die Verfügung betreffend die Entfernung der Drähte bestätigte. So geschehen im freien Ungarn---- Deutsches Reich. Berlin, 4. März. Im Saale der Victoriabrauerei, Lützowstraße 111, fand am Sonntag vormittags die Generalversammlung des HilfsVereins der deutschen Juden statt. Herr James Simon gedachte zunächst der Verstorbenen und dankte der großen Zahl ehrenamtlicher Mitglieder, die im ganzen Deutschen Reich dem Hilfsverein ihre Dienste zur Verfügung stellen. Daran schloß sich die Erstattung des Geschäftsberichts. Ueber die Lage in Rußland sprach Herr Dr. Nathan, der die Zukunft Rußlands sowohl in politischer als finanzieller Hinsicht als eine außerordentlich trübe schilderte, so daß es die Pflicht des Hilfsvereines sei, sich für alle Eventualitäten gerüstet zu halten. Die Anwesenden sprachen ihren Dank für die Geschäftsführung durch Erheben von den Sitzen aus. Alsdann leitete Herr Privatdozent Doktor Mittwoch mit einigen einführenden Worten über die Falaschas einen Vortrag des Herrn Dr. Faitlowitsch aus Paris über dasselbe Thema ein. Dr. F. ist 18 Monate in Abessynien gewesen und war daher in der Lage, auf Grund persönlicher Anschauungen über die Falaschas. diesen versprengten Stamm des Judentums. Bericht zu erstatten. Er schloß seinen interessanten Vortrag mit der Bitte, daß die Juden der zivilisierten W elt sich der Falaschas annehmen mögen. Herr James Simon konnte feststellen, daß seitens des Hilfsvereines der deutschen Juden bereits ein Betrag bewilligt worden ist, zu dem Zwecke, junge Falaschas in Jerusalem der Segnungen moderner Erziehung teilhaftig werden zu lassen. Aus dem, der Generalversammlung vorgelegten und von dieser genehmigten Geschäftsbericht ist folgendes hervorzuheben: Der Hilfsverein der deutschen Juden ist jetzt in sein sechstes Geschäftsjahr eingetreten. Die Zahl seiner Mitglieder ist im letzten Jahre von 9500 auf rund 14.000 gestiegen, die Mitgliederbeiträge und die Spenden für die allgemeinen Zwecke des Vereines haben sich entsprechend von 107.000 auf rund 140.000 Mk. erhöht. Von den Arbeiten des letzten Jahres ist zuerst das Hilfswerk für Galizien zu nennen, das der Hilfsverein im Verein mit der Großloge für Deutschland und dem Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung zweckentsprechend ausbaut. Es sind bereits 7 Hausindustrien in Galizien neu eingeführt worden und über 2500 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen finden in diesen Industrien einen ehrlichen Erwerb. Für die Anstellung eines in Galizien stationierten ständigen Sekretärs hat der Hilfsverein die nötigen Mittel bewilligt. In den Ländern des Orients, in Rumänien, Bulgarien, der europäischen und asiatischen Türkei sorgt der Hilfsverein der deutschen Juden für die Hebung der Bildung der Juden und für die Förderung ihres wirtschaftlichen Fortkommens durch Schulgründungen in steigernder Zahl, wobei der Erteilung und Einführung des deutschen Unterrichtes besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Im Jahre 1907 wird der Hilfs verein folgende Schulen zu erhalten und zu unterstüzen haben: 9 Kindergärten, 11 Knaben- und Mädchenschulen, 1 kommerzielle Mittelschule, 1 Handelsschule, 1 Haushaltungsschule, 1 Handwerkerschule, 1 Kunstgewerbeschule und insgesamt 27 Institute mit mehr als o50Ü Zöglingen. Die Bestrebungen für eine Besserstellung der marokkanischen Juden, bei denen der Hilfsverein durch die Anglo Jewish Association, die W i e n e r Allianz und hervorragende Einzelpersonen anderer Länder, namentlich durch Herrn Jakob H. Sch i ff- New-York, unterstützt wurde, hatten den Erfolg, daß die Mächte auf der Konferenz von Algeciras einmütig eine Resolution zu Gunsten der marokkanischen Juden annahmen. Die Haupttätigkeit des Hilfsvereines mußte sich wieder Rußland zuwenden, wo die schwere Leidensgeschichte der Juden um viele traurige Kapitel bereichert worden ist. Die Höhepunkte der Verfolgungen bezeichnen die Namen Hornel, Bialystok und Siedlic Um das in hervorragender Weise arbeitende Hilfswerk zu fördern, war der Geschäftsführer des Vereines im Ehrenamt, Herr Dr. Paul Nathan, wie bei Beginn des Hifswerkes, so auch bei seinem Abschluß in diesem Jahre in Rußland und wurde bei dieser Gelegenheit sowohl von dem Ministerpräsidenten Stolypin, als auch von dem Finanzminister Kokowzew empfangen. Neben den 1,060.000 Mk., die der Hilfsverein vom Oktober bis zum Schluß des Jahres 1905 für Rußland überwiesen hat, hat er im Jahre 1906 weitere 1,476.000 Mk. aufgewendet, so daß er seit dem Ausbruch der Massenpogrome rund 2J/2 Mill. verausgabt hat. Erhebliche Summen müssen aufgewendet

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