Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 13 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 »Neue National-Zeitung Nr. 13 anwaltschaft und die hiesigen Gerichtsbehörden riefen. Diese Intervention erfolgte und der Polenklub mußte sich überzeugen, daß er doch nicht ungestraft das Gesetz beugen dürfe, daß seine politische Präponderanz an dem Buchstaben des Gesetzes scheitert. So ist auch dem Polenklub endlich die verdiente Demütigung zuteil geworden. Die Enthaltung der ruthenischen Studenten über direkten Auftrag der Wiener Zentralbehörden ist für den Polenklub ein Memento. daß es doch noch in Oesterreich eine öffentliche Meinung gibt, die ihm auf die Finger schaut, und die in der Lage ist, seinen Brutalitäten einen Damm zu setzen. Unmittelbar vor den Reichsratswahlen ist dieses Memento sehr an der Zeit. Nun beginnen der Polenklub und seine Presse plötzlich für eine objektive Rechtsprechung einzutreten und da sie wissen, daß im Justizministerium die Frage der Delegation des Wiener Landesgerichtes in Erwägung gezogen wird, treten sie mit dem — Wunsche nach einer Delegation auf. Diesem Wunsche wird unter den gegenannten Verhältnissen gewiß entsprochen werden: ob das Resultat für die Stanczyken angenehm sein wird, ist sehr fraglich. — In der ruthenischen Presse ist eine eventuelle Allianz mit den jüdischen Wählern Ostgaliziens Gegenstand eingehender Erwägungen. Auch der Führer der Jungrutheneu, Abg. Romanezuk. beschäftigt sich publizistisch mit dieser Frage. Er kommt jedoch zum Resultat, daß eine solche Allianz mit Rücksicht auf die Abneigung der ruthenischen Bauern gegen die Juden nicht möglich sei. Wünschenswert und erreichbar sei jedoch ein Einvernehmen zwischen den Juden und den Zionisten in einzelnen Bezirken. Krakau, den 3. März. Das Mandat des verstorbenen Dr. von Rappoport für den Landtag soll bei der hiesigen Handels- und Gewerbekammer am 8. d. M. vergeben werden. Dabei drängt sich die Bedeutung dieses Mandates für die galizische Judenschalt auf und zwingt zum Nachdenken. Die galizischen Juden hatten im Landtage vier Vertreter, drei von den Handelskammern (Dr. von Rappoport Dr. Kolischer und Dr. Loewensteinj und einen vom Städtebezirk Stryj, Dr. Frucht mann. Unter 141 Mitgliedern des Landtages zählte man vier Juden, wiewohl 12% der Gesamtbevölkerung zum jüdischen Volke gehören. Und selbst diese vier Juden sind politisch nie hervorgetreten. Sie waren froh, wenn man ihnen hie und da ein kleines Referat anvertraute. Als Repräsentanten der Juden traten sie nie auf und wir finden auch nie eine Initiative ihrerseits im Interesse der jüdischen Bevölkerung auf politischem oder wirtschaftlichem Gebiete. Sie zitterten um ihre Mandate, die sie nur der Gnade des Polenklubs zu verdanken haben. Die ganze Erbärmlichkeit dieser Clique zeigt sich am krassesten bei den Landtagswahlen. Städte mit 80% Juden, wie Brody und Kolomea, müssen einen — Christen wählen, unter Umständen sogar, wie es jüngst in Kolomea geschah, einen antisemitischen Allpolen (Kleski), weil das Wahlrecht für den Landtag ein mündliches ist, und der Jude, der nicht nach dem Wunsche des Bezirkshauptmanues wählt, wirtschaftlich umgebracht wird. Auch in den Handelskammern geschieht die Wahl mündlich und der Bezirkshauptmann wacht. Um das Mandat bewerben sich Präsident D a 11 n e r und Oberbaurat Sare. Krakau, 1. März. Eine größere Anzahl von Bürgern hat an den Kultusvorstand nachstehende Eingabe gerichtet: »Die Endesgefertigten erlauben sich unter Hinweis auf das Kartell, welches von den hiesigen jüdischen Bäckern bezüglich Festsetzung von ganz außergewöhnlich hohen Preisen für Mazzoth, und zwar von 1 K 10 h aufwärts per Kilogramm geplant wird, gegenwärtiges Gesuch zu unterbreiten. Es ist erstaunlich und eine Ironie des Geschickes, daß zur Zeit, wo die hierortige jüdische Bevölkerung eine außerordentlich hart bedrückende Kurssteigerung der Kohle durchmachte, sie nunmehr vor der Gefahr des bevorstehenden Kartells einer so außerordentlichen Preiserhöhung der Mazzot steht. In letzter Zeit haben opferwillige humane Leute alles daran gesetzt in Bezug auf den Preisstand der Kohle, günstigere Verhältnisse zu schaffen und der Situation überhaupt eine wesentliche Änderung zu geben. Nun muß es umsomehr kränken und aufrichtig entrüsten, daß der löbliche Vorstand bezüglich der Preissteigerung der Mazzot die jüdische Bevölkerung einfach preisgibt. Es ist bekannt, daß infolge der Teuerung der Mazzot die Nichterwachsenen zahlreicher Familien, weil Mazzot teueres Geld kosten, nebstdem Chamez zu essen leider nicht entraten können. Auf Grund einer gerechten Beurteilung dieser Mitteilung stellen wir das Ansuchen, der löbliche Vorstand möge aus seiner Reserve heraustreten, ein Kartell der Bäcker zur Festsetzung eines unkaufmännischen Preises für Mazzot zu Ostern nicht zulassen zu wollen, die Preise auf humaner Basis vielmehr normieren, um Mißstände und Proteste, welche dem Vorstande nicht angenehm sein werden, vorzubeugen.« — Es folgen die Unterschriften. Czernowitz. Einem langwierigen, angesichts des Gegners schwierigen Kampf der jüdischen Studentenschaft um die Anerkennung ihrer Nationalität auf unserer alma mater durch Vermerk derselben im Nationale gelang es den vielumstrittenen ,.Sieg" im Oktober v. J. in Form folgender Kundmachung des Rektors zu erreichen: „Der akademische Senat hat in seiner Sitzung vom -29. v. M. beschlossen, den Studenten zu gestatten, neben der im Nationale geforderten Angabe der Muttersprache auch ihre Nationalität zu vermerken. Dieser Vermerk wird im statistischen Ausweise anmerkungsweise berücksichtigt werden. Der Beschluß tritt mit dem Sommersemester 1907 in Kraft, wofern nicht bis dahin eine definitive , Regelung des Rubrikenschemas seitens des Ministeriums für Kultus und Unterricht erfolgt sein wird. Hievon werden die Herren Studierenden in Kenntnis gesetzt.1' Der Beginn des Sommersemesters. also jener .heißersehnte Augenblick, da die genannte Verordnung in Kraft treten soll, ist gekommen. Da affichiert der Rektor auf dem schwarzen Brett nachstehenden Erlaß: ..Das k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht hat mit Erlaß vom 12. Februar 1907 Z. 43495 ex 190ö angeordnet, daß mit der Ausführung des oben bekanntgegebeneu Beschlusses insolange innegehalten werde, als nicht die ministerielle Entscheidung in dieser alle Universitäten berührenden Frage der Abänderung des vorgeschriebenen Rubrikenschemas des Nationales erflossen sein wird. Hievon werden die Herren Studierenden in Kenntnis gesetzt. Rektorat der k. k. Franz Josephs-Üuiversität Ehrlich m. p." Das ist eine Dupierung der jüdischen Studentenschaft, die diese nicht ohne weiteren energischen Protest hinnehmen kann. In der ersten Kundmachung vom Oktober v. J. war nirgends ersichtlich, daß der beinhaltete Erlaß der Sanktion des Ministeriums bedürfe. Jener Erlaß bedeutete einen Beschluß des in speziell unsere Universität betreffenden Fragen autonomen Senates. Die Ingerenz des Ministeriums auf Beschlüsse des Senates in der Weise wie es jetzt geschah, ist ein Novum,: das seine Erklärung beinahe dahin gestattet, daß der Senat, seine Toleranz bereuend, diese ministerielle Entscheidung selbst poussiert hatte. Czernowitz, 1. März. . In Czernowitz weiß man noch, daß es ein altes jüdisches Volksleben gibt,, das trotz allen gewaltsamen Ansturmes yon außen, alt und jüdisch bleibt. Am besten gibt sich das an den jüdischen