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Neue Nationalzeitung · 1907-03-08 · Heft 13 (8.3.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 13 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13 Neue National-Zeitung« Seite 5 vom milden Halbdunkel der Oportunitäts-Orthodoxie uinwobenen Felde der Rabbinerbeschaffung-. Was darüber oder darunter, ist ihnen fremd. Darum mißlang denn auch vollständig das nur notgedrungen und mit Unlust unternommene Werk der Heranbildung von Religionslehrern. Und wahrlich, es ist nicht zu bedauern, daß es untergegangen. Denn die Religiouslehrer. die aus dieser Anstalt hervorgegangen wären, hätten ja doch nur eine neue Auflage der hergebrachten, religiöse Indifferenz züchtenden Schablone repräsentiert, und alles wäre recht hübsch beim Alten geblieben; ja dieses Alte hätte jetzt erst die offizielle Sanktion und die Stabilisierung erhalten, während wir heute, wo der Religionslehrerkurs der „israelitisch-theologischen Lehranstalt" begraben liegt, zum mindesten noch Hoffnung hegen dürfen, es könne einmal auf dem Gebiete des unsagbar verfalirenen jüdischen Religionsunterrichtes au den Volks- und Mittelschulen besser werden. Wenn aber die „israelitisch-theologische Lehranstalt" keine Mission zu erfüllen hat, wie erklärt sich das Rätsel ihres so langen Bestandes und die Zuversicht, mit der sie auf ein recht hohes Alter rechnet? Des Rätsels Lösung liegt auf der flachen Hand : Nicht, weil sie ihre Lebenssäfte aus dem Nährboden des Idealismus zieht — wir haben ja gesehen, daß ein solcher ihr fehlt — nicht, weil sie aus einem geist igen und seelischen Bedürfnis hervorgewachsen, sondern weil sie auf gut fundierter materieller Basis aufgebaut ist, lebt sie, muß sie leben. Der nervus rerum. die mehr als genügend vorhandenen Geldmittel, sichern ihren Bestand. Versagten diese, stünden ihr die reichen Stipendien für die Hörer, die ausgiebige Dotation zur Bestreitung der Lehrergehalte u. s. w. nicht zur Verfügung, sie vermöchte aus eigener Kraft sich nicht einen Tag lang zu erhalten, sie gliche dem Kikajon des Propheten Jona, der in einer Nacht entstand und in einer Nacht verdarb. Seit uralten Zeiten herrscht bei den Juden die Anschauung, daß der Vater der Verantwortung für den religiösen Lebenswandel seines Sohnes mit dem Tage los und ledig wird, wo dieser das dreizehnte Lebensjahr vollendet. Mit diesem Tage nimmt der Knabe die Verantwortung für sein Tun und Lassen auf die eigenen Schultern: er wird ein B a r - m i z \v a h. Und da ist es dann Brauch in den alten jüdischen Gemeiuden. daß der Vater eines Bar-mizwah, wenn dieser zur Thore gerufen wird, die Benediktion verrichtet: Bariich seheptarani meonscho schelaseh (Gelobt sei Er. der die Last der Verantwortung für diesen da von mir abgewälzt hat)' Wie mancher Kurator der .,israelitisch-theologischeij Lehranstalt", würde, wenn in ihm endlich das Verlangen, einen tieferen Einblick in das Wesen und Wirken des von ihm betreuten Seminars zu gewinnen, erwachte und wenn er zu ermessen vermöchte, welche segensreiche Tätigkeit diese Anstalt, bei einem richtigen Erfassen ihrer Aufgabe hätte enthalten können, und wie sie in Wirklichkeit nur Sisyphusarbeiten zuwege bringt, in diesen Tagen, wo sie Bar-mizwah geworden unter abwehrender Handbewegung ausrufen: Baruch scheptarani meonscho schelaseh! In der nächsten Nummer veröffentlichen wir einen hochinteressanten Brief des großen Philantropeii Baron FTloriz Hirsch an Ministerpräsidenten Grat Taafte. Die Redaktion. Dumawahlen. IL St. Peters Iiurur. den o. Marz. Die Wahlschlacht ist vorüber und was ich in meinem vorigen Briefe nur andeuten konnte, ist heute traurige Wahrheit. Die Juden haben keinen einzigen ihrer Kandidaten in die Duma gebracht. Wohl erscheinen drei Juden — Rechtsanwalt Abraham söhn in Kowno, Ingenieur Rabinowitz in Jekaterinoslaw und der Kaufmann Spiro in Windau (Kurland) — als gewählt, aber diese Gewählten sind nur zufällig Juden, ohne jüdisches Programm und ohne jüdische Partei. Die jüdischen Parteien, welche geschlossen in den Wahlkampf zogen, haben sich von ihren Schlägen noch nicht erholt und schon zeigt sich das traurige Bild, welches stets nach einer Niederlage aufzutauchen pflegt, daß nämlich die Schuld für das eigene Unglück einem anderen in die Schuhe geschoben wird, anstatt Einkehr zu halten und die begangenen eigenen Fehler einer gründlichen Revision zu unterziehen. Die Organe der einzelneu jüdischen Parteien wimmeln geradezu von Vorwürfen gegen — andere Parteien und es hat den Anschein, als sollte die Zwietracht, welche die jüdischen Wähler während der Dumawahlen in so viele Parteien gespalten hat, permanent bleiben und noch größere Verheerungen anrichten, als dies schon bis jetzt geschehen ist. Eigentlich waren es zwei jüdische Hauptgruppen, welche als politisch jüdische Parteien an dem jüngsten Wahlkampfe teilnahmen: Die Bundisten und die Zionisten, zwei Parteien also, welche zum erstenmale — im Gegensätze zu ihrer bisherigen Politik — auf den praktischpolitischen Plan traten und um die Stimmen der jüdischen Wähler warben. In der Struktur dieser beiden jüdischen Hauptgruppeu, sowie in ihrer politischen Vergangenheit wird auch der Hauptgrund zu suchen sein, weshalb diesmal weniger Juden gewählt wurden, als in die erste Duma. Der „Bund" ist eine jüdisch-proletarische Gruppe, die bereits eine sehr bewegte Vergangenheit, hinter sich hat. Die Bundisten lavierten von jeher zwischen zwei Polen, zwischen dem Extrem-Sozialeu und dem Jüdisch- Nationalen. So lange der Bund bemüht war, wohl sozialistisch zu sein, aber das nationale Moment nicht zu leugnen, hatte er auch unter den gemäßigteren Juden einen bedeutenden Anhang, weil diese in ihm gewissermaßen einen Schutz, eine kräftige Abwehr gegen die Uebergriffe der „Schwarzen Hundert" erblickten. Allmählich streifte der Bund das Nationale von sich ab und verfiel, um für vollwertig sozialistisch zn gelten, in das äußerste radikale Extrem, dem jedes jüdische Moment abging. Die großen Vexationen. die zwangsweisen Besteuerungen zugunsten revolutionärer Zwecke, denen die jüdischen Bürger in den letzten zwei Jahren so häufig ausgesetzt waren, stammten in überwiegenden Fällen von Bundisten. und es ist klar und selbstverständlich, daß die große jüdische Bürgermasse den Bundisten und ihrer Politik eher feindlich als wohlwollend gegenüber stand. An der ersten Dumawahl hatten sich die Bundisten nicht beteiligt, wenigstens offiziell nicht, sie schlössen sich dem ßoykottbeschlusse der übrigen revolutionären Organisation an. Cnd nun kamen die Wahlen in die zweite Duma. Der „Bund" hatte inzwischen seine Taktik geändert, und die Pflicht, an der Wahl aktiv teilzunehmen, zum Beschlüsse erhoben. Sie gingen mit einer eigenen Wahlparole in den Kampf. Die Parole war radikal-sozialistisch und — wenn man von einigen, auf Wählerfang berechneten Phrasen absieht — ganz unjüdisch. Unter solchen Umständen war es ganz

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