Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 13 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Neue National-Zeitung< Nr. 13 Unterstützung gefördert werden, und erklären es für wünschenswert, im Einverständnisse mit noch anderen maßgebenden orthodoxen Rabbinern, bei einer neuerlichen Enquete Mittel und Wege zu suchen, um die humanen und dem Judentume nützlichen Bestrebungen der Allianz zu verwirklichen. Die Israelitische Allianz wird höflichst ersucht, die Aktion fortzusetzen und eine neuerliche informative Versammlung einzuberufen." Herr Dr. Kaminka dankte der Versammlung namens des Vorstandes der Israelitischen Allianz und erklärte, daß, wenn seitens der Herren Rabbiner und Vertreter der Gemeinden Galiziens konkrete Anträge gestellt werden sollten, auf welche Weise die der Allianz wohl bekannten Schwierigkeiten überwunden werden könnten, die Vorschläge jederzeit wohlwollendste Beachtung und soweit als möglich Unterstützung finden würden. Von den nicht persönlich erschienenen orthodoxen Rabbinern haben ihr warmes Interesse für den Gegenstand schriftlich Herr Rabbiner Gedalje Schmelkes aus Przemysl und J. Weber, Magid in Stanislau ausgedrückt; ferner hat sich der in Galizien allgemein verehrte chassidische Rabbi Uri Jolles in Sambor, Herrn Dr. Kaminka gegenüber persönlich mit der Aktion der Allianz einverstanden erklärt." * * * Die Herren von der „Allianz" haben merkwürdigerweise ein sehr kurzes Gedächtnis. Bereits im Jahre 1882, nach der russischen Emigration, faßte die „Allianz" den Entschluß, in Galizien Kultur zu verbreiten. Als erster Schritt nach dieser Richtung wurde die Modernisierung der „Cheders" in Aussicht genommen. Im Jahre 1883 fand in Lemberg unter Vorsitz des Predigers Dr. Löwenstein eine Enquete statt, in der die Chederfrage und deren zeitgemäße Umgestaltung behandelt wurde. Sowohl der Vorsitzende, als auch sämtliche Kultusvorsteher, mit Ausnahme des Präsidenten Zucker sprachen sich gegen jede Reform und für die vollständige Beseitigung der Cheder aus. Trotzdem errichtete die „Allianz" in Lemberg einen „Chejder Centralny" (Zentralcheder). In demselben waren sowohl Religionslehrer (Melaindim), als auch pädagogisch geschulte Lehrer für profane Fächer angestellt. Zu letzteren gehörten die Herren Grünes und Engländer. Die Leitung der Schule war in Händen von Landes. Ihm war ein „Maschgiach" (Aufseher) in der Person des bei der chassidischen Bevölkerung sehr angesehenen Buchhändlers Ehrenpreis zur Seite gestellt. Auf diese Weise gewann die „Allianz" allmählich das Vertrauen der jüdischen konservativen Bevölkerung und sie schritt bald an die Gründung wirklicher Volksschulen in den chassidisch-jüdischen Gemeinden: Wolanka, Boryslaw, Stanislau und Kolomea. Die in diesen Schulen erzielten Erfolge waren für Baron Hirsch ausschlaggebend, durch eine Millionenstiftung die Vermehrung von Volksschulen in Galizien zu sichern Nun aber ist auch diese Stiftung an einem toten Punkt angelangt. Baron Hirsch lebt leider nicht mehr und die Zinsen der Stiftung genügen nicht einmal zur Erhaltung der bestehenden Schulen, da die Gehalte der Lehrer immer mehr wachsen. Es wurden bereits einzelne Schulen aufgelassen, während sich wieder verschiedene Gemeinden an die Stiftung mit der Bitte um Schulen wenden. Wäre es da für die „Allianz" nicht dankbarer, Hand in Hand mit der Stiftung zu arbeiten und ihr neue Kapitalien zuzuführen? Herr von Gut mann ist doch Präsident sowohl der „Allianz1*, als der Stiftung! Was soll also diese Konkurrenz bedeuten? Will Herr von Gutmann damit zugeben, daß die Stiftungsschulen das Vertrauen der Konservativen nicht verdienen? . . . M. FRIEDLÄNDER: Die „israelitisch-theologische Lehranstalt". (Zu ihrer Bar-Mizwah) (Schluß.) Sie ist ihr bei der Geburt als Talisman in die Wiege gelegt worden. Wir sprechen hiemit keineswegs eine vage Vermutung sondern eine Gewißheit aus. Man braucht sich ja nur die Rabbiner dieses Seminars ein wenig anzuschauen. Wir erinnern uns noch lebhaft eines kurz nach Eröffnung der „israelitisch-theologischen Lehranstalt" zwischen dem eigentlichen Gründer derselben, Herrn Wilhelm R. v. Gutmann und einem freisinnigen jüdischen Gelehrten stattgehabten Gespräches, das unsere Behauptung vollauf bestätigt. Herrn v. G. war es dabei darum zu tun, bei dem betreffenden Gelehrten Sympathien für den Leiter des Rabbinerseminars zu erwecken und einen Verkehr zwischen beiden anzubahnen: ..Sie sind im Irrtum", sagte er, „wenn Sie glauben, der Leiter unserer Anstalt sei ein Orthodoxer. Er ist vielmehr ungleich freisinniger und toleranter als der Oberrabbiner Güdemann, er ist nicht minder freisinnig wie Sie und ich. Wenn er aber seine Anstalt in konservativem Sinne leitet, so ist diese Richtung ihm von den Verhältnissen aufgenötigt, da er ja auch für konservative Gemeinden Rabbiner heranbilden muss". Darauf der andere: „Es mag sich immerhin so verhalten, wie Sie behaupten, ein günstiges Vorurteil für die unerschütterliche Überzeugungstreue des Mannes erweckt das nicht. Von dem Leiter eines Rabbinerseminars, der doch dem künftigen Rabbiner als Vorbild dienen soll, verlange ich vor. allem: daß er eine Überzeugung — meinetwegen die Überzeugung von der Unfehlbarkeit der Orthodoxie — habe und seine Überzeugung unter allen Umständen auch vertrete, nicht aber der Not gehorchend, den Mantel der Orthodoxie hervorkehre. Echte Überzeugung ist br.geisterungsfähig und begeisterungweckend; eine Orthodoxie aber aus Oportunitätsrücksichten ist matt und kraftlos, sie predigt mit den Lippen, niemals aber mit dem Herzen und vermag auch nicht zu den Herzen zu dringen. Von dem Leiter eines Rabbinerseminars verlange ich, daß seine Gedanken und Handlungen sich decken: ist er freisinnig, so sei et1 es, wie nach innen so nach außen hin; ist er orthodox, so sei er es vorbehaltlos. Mir, für meine Person ist ein Seminardirektor, der für sich konservativ, seine Schule aber im liberalen, die freie Forschung begünstigenden Sinne leitet, ungleich sympathischer, als einer, der der entgegengesetzten Methode huldigt. Die letztere erzeugt nur Lauheit und die Lauheit ist die Todfeindin des religiösen Idealismus. Was aber Ihren Hinweis auf die Orthodoxie des Wiener Oberrabbiners betrifft, so meine ich, daß diese weit weniger schädlich: Mit dem Rabbiner G. wird einst einmal seine Orthodoxie sterben, nicht aber mit dem Leiter einer Rabbinerschule, sie verpflanzt sich auf die Schüler, auf die Rabbiner der Zukunft." Eines Kommentars bedarf dieser die Situation scharf beleuchtende Dialog nicht. Und was unternahm die „israelitisch-theologische Lehranstalt" in Sachen der Heranbildung von Religionslehrern? Es soll nicht verschwiegen werden, daß sie ihre Aufmerksamkeit dieser brennenden Frage, auf diese förmlich hingedrängt wurde, zuwendete. Aber mit welchem Erfolg? Sie eröffnete einen Kurs für Religionslehrer und er scheiterte kläglich. Durch wessen Schuld? Die Lehrer trifft sie nicht: ultra posse nema tenetur; man darf eben von einem Menschen nicht Leistungen verlangen, die nicht im Bereiche seiner Fähigkeiten liegen, muß vielmehr jeden auf den richtigen Platz stellen. Und die Fähigkeiten der Lehrer der „israelitischtheologischen Lehranstalt" liegen ausschließlich auf dem