Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 13 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Neue National-Zeftunjr« Nr. 13 Das übersehen sie absichtlich; die Ruthenen werden im ganzen Aufrufe nicht mit einem Worte erwähnt. Denn die Ruthenen sind die politisch schwachen, unterdrücktet die "sich selbst Mandate erkämpfen müssen und keine an Juden zu vergeben haben. Die Verfasser des Aufrufes gehen aber nicht mit den Schwachen, sondern mit den Starken; ihnen zuliebe setzen sie sogar der jüdischen Bevölkerung den Revolver an die Brust Sie fürchten, daß ihre fadenscheinigen Argumente bei der jüdischen Bevölkerung nicht verfangen werden; daß man leicht erkennen wird, es handle sich ihnen nicht, um das Gemeinwohl, sondern um den Lohn, den ihnen der kopfscheu gewordene „Nationalrat" für das jüdische Stimmvieh versprochen hat. Sie malen die grauesten Gespenster an der Wand. Mit herostatischem Mut verkünden sie, daß, wenn die Juden ihnen nicht folgen, sondern andere Wege gehen, die wildesten antisemitischen Instinkte entfesselt werden, daß ein R a c h e k r i e g heraufbeschworen und ein gefährlicher Kampf entfacht wird, in dem tausende und abermals tau sende Existenzen ans Messer geliefert werden. Und einen solchen Aufruf unterschreibt als Präses Herr Samuel Edler von Horowitz, jener berüchtigte Wucherer Reb Schmelke, dessen Person schon allein genügt, um den stärksten' Haß der christlichen Bevölkerung auf die Juden zu laden, der Mann, dessen ganzes Leben keinen einzigen ideellen Zug aufzuweisen hat; der selbst auf seine alten Tage vor einem Blutbade nicht zurückschreckt, wenn es gilt, für sich die Baronie und für seinen Schwiegersohn ein Mandat zu erpressen. Es ist wirklich weit gekommen. Der galizische Jude soll der letzte aller Parias werden; ein Staatsbürger der allerniedrigsten Sorte. Das allgemeine Wahlrecht stellt alle Bürger gleich. Jeder 24jährige Mann darf wählen, er darf mit seinem Stimmzettel protestieren gegen alle Standesunterschiede, Klasseninteressen, wirkliche oder vermeintliche Zurücksetzungen, gegen Auswüchse der Justiz und Ausschreitungen der Verwaltung nur der Jude darf nicht. Er muß alles über sich ergehen lassen: Verletzung der Staatsgrundgesetze, soziale Mißachtung, administrative Willkür — und er darf sich nicht einmal wehren, er darf dagegen nicht protestieren. Denn er ist ein Jude. Und will er sich wehren, will er mit seinem Stimmzettel protestieren und laut verkünden, daß dieses unglückliche Land von einer adeligen Klique und ihren Wucherern ausgebeutet wird, will er seinen Stimmzettel in jene Urne werfen, in der diese Vampyre erdrosselt werden, dann hat er „die heiligsten Gefühle der polnischen Nation herausgefordert", dann gehört er ans Messer. So proklamieren in deutscher Sprache und mit jüdischen Lettern die Herren Samuel Edler v. Horowitz, Dr. Nimhin aus Stanislau, Dr. Frucht mann aus Stryj u. s. w. Die Herren Horowitz und Gesellen haben sich demaskiert. Früher, als sie es wahrscheinlich wollten. Aber sie könnten bitter enttäuscht werden. Wird einmal die aufgehetzte Menge losgelassen, dann wird sie ihr Messer zuerst gegen diejenigen richten, die sie bisher belogen und betrogen, ausgebeutet und bewuchert haben, gegen die — Moschkos und die Schlachzizen. Wenn Moschko und seine Helfershelfer ein Blutbad haben wollen, so werden sie selbst zuerst darin untersehen. Uns kann das recht sein. L. Handelsminister Oskar Strauß. Der Handelsminister der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Oskar Samuel Strauß, ist der Sprosse einer alten jüdischen Familie, deren Ahnen zu Beginn und in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in Deutschland eine bedeutende Rolle gespielt haben. Der Urgroßvater Oskar Strauß1, Jakob Lazar Strauß wurde im Jahre 1806 von Napoleon I. in das berühmte Pariser Sanhedrium berufen. Der Vater Oskars nahm im Jahre 1848 lebhaften Anteil an der Revolution, und mußte nach Niederwerfung derselben Deutschland verlassen. Im Jahre 1851 flüchtete er mit seinen drei Söhnen Isidor, Nathan und dem am 23. Dezember 1850 geborenen Oskar nach Amerika, wo er sich zunächst in Philadelphia, dann in Georgia niederließ. Mit Unterstützung einiger jüdischer Großkaufleute eröffnete er hier einen Laden; aber der alte freiheitstrunkene Lazarus, der mit den Negern sympathisierte, wurde von den südlichen Negerhaltern deswegen boykottiert und übersiedelte im Jahre 1865 Lazarus Strauß nach Newyork, wo er die seither blühende Exportfirma L. Strauß & Sons begründete. Der junge Oskar besuchte in Columbus zuerst die Volksschule dann das Gymnasium, bezog im Jahre 1871 die Universität und erhielt zwei Jahre später! den Titel eines Rechtsanwalts. Als solcher leitete er einen Sensationsprozeß, der ihn berühmt machte, aber zugleich derart anstrengte, daß er auf ärztlichen Rat die Advokatur aufgab und sich dem Kaufmannsstand widmete. Als früherer Anwalt unterhielt er nach wie vor lebhafte Beziehungen zu politischen Kreisen und nahm an der Wahl Clevelands so hervorragenden Anteil, daß dieser ihn im Jahre 1887 zum Botschafter von Konstantinopel ernannte. Zehn Jahre später wurde er von Clevelands Nachfolger, dem Republikaner Mc. Kinley, zum zweitenmale als Botschafter nach der Türkei geschickt. In seiner Eigenschaft als diplomatischer Repräsentant einer Großmacht hat Strauß vieles für die Juden in der Türkei getan. Aber auch in seiner Heimat, namentlich im Staate Newyork hat Strauß sich um sein Land hervorragend verdient gemacht. So half er z. B. das Schul- und Krankenwesen reorganisieren, und war er der eigentliche Gründer der National Civio Federation. Vor vier Jahren wurde Oskar Strauß an Stelle Roosevelts zum Mitglied des permanenten Schiedsgerichts zu Haag ernannt. Auch literarisch hat er sich hervorgetan. Weit berühmt ist sein Werk über „die Entstehung der republikanischen Regierungsform in den Vereinigten Staaten", sowie über „Roger Williams, den Vorkämpfer für Glaubensfreiheit!" Oskar Strauß nimmt lebhaften Anteil an allen jüdisch-gemeinnützigen