Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 13 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NBJC MCißNÄL-ZEiCüNG JÜD&CRPOUDSCRg WOCfiSNSCRRIFC DrS.R.LANOAÜ'.: IX. JAHRGANG. WIEN, 8. MÄRZ 1907. No. 13. Moschko mit dem Revolver. In Kalwarya, dem berühmten Wallfahrtsorte bei Krakau, wo die in Scharen zuströmenden Gläubigen nicht nur das Wunder wirkende Bild der heiligen Marie, sondern auch ein den Eitualmord darstellendes Kollossalgemälde bewundern dürfen, sah ich vor Jahren in einem Wirtshause eine ganz eigenartige Zeichnung aus alten Zeiten. Ein Jude im langen Kaftan, mit struppigem Bart und flatternden Löckchen, wird im Herrschaftshof von Hunden am Kaftan gezerrt, von Kindern am Barte gerissen und die Herrschaft schaut lachend zu. Der gnädige Herr wirft dem Juden einige Groschen zu. aber dieser kann sie nicht autheben. Wenn er sich bücken will, halten ihn die Hunde fest an den Schößen und die Kinder am Bart. Wahrscheinlich wird er später losgelassen und er darf sich die paar Groschen zusammenklauben, die er sich durch physische Pein und moralische Entwürdigung verdient hat. Ein peinlicher Anblick für jeden Juden. Das fahrende und trinkende Volk unterhält sich aber dabei sehr gut. Es ist ja nur ein Moschko. Generationen sind seit jener alten Zeit der Schlachzizenherrrschaft verflossen; Moschko ist nicht blos Makler und Hausierer, er hat die Gleichberechtigung erlangt. Er hat selbst Vermögen gesammelt und in die weißübertünchten Häuschen, an denen der polnische Adler und der lithauische Ritter als National wappen prangen, ist er selbst als Gutsherr eingezogen. Für die Dorfjuden ist er der „purec" (Herr) und die bäuerliche Bevölkerung küßt auch ihm nach polnisch-bäuerlicher Sitte das Knie, denn die Zwergbauern und Taglöhner mähen sein Gras, bekommen von ihm Beete in Pacht und treiben auf seine Weide ihr mageres Vieh. Und doch ist Moschko sich gleich geblieben. Ein unverwüstlicher Atavismus zieht ihn mächtig zu jener Schlachta, der er einst die entwürdigendsten Dienste geleistet. Sein Rückgrat bleibt dann gebeugt, wenn es auch nicht mehr im Kaftam sondernim Salonrock steckt; das Haupt lüftet sich, wenn es auch nicht mehr die Pelzmütze, sondern der Zylinder bedeckt. Moschko hat nur seineHülle gewechselt; innerlich ist er derselbe geblieben : eine feige, jämmerliche Bedientennatur. Denn Moschko ist ein Typus; er stirbt nicht aus. Er modernisiert sich. Er läßt sich noch immer verachten und im jüdischen Dialekt verhöhnen — aber nicht mehr fürs Geld. Das hat er selbst und er kann es noch anderen leihen. Moschko verlangt, den Adel, Orden, Ehrenstellen. Und er bekommt sie, denn seine Dienste sind unbezahlbar. Es gibt Fälle, wo Moschko auch mutig, entschlossen, trotzig sein kann, wo er droht und erpreßt, wo der niedergetretene Sklave auch vor Blut nicht zurückschrickt. Wenn sich ihm seine eigenen Brüder in den Weg stellen; wenn sie ihn hindern wollen, für seine Demütigung und Entwürdigung endlich den Lohn einzuheimsen. Dann greift Moschko zum Revolver .... * Diese Gedanken drängen sich auf, wenn man den vor einigen Tagen erschienenen Aufruf des „Exekutivkomitees der jüdischen Landesorganisation für Galizien" liest. Ohne jedes öffentliche Mandat und öffentliche Vertrauen, von niemandem erwählt und berufen, sondern höchstens vom „Nationalrat" der Schlachzizen ernannt, fordern die Verfasser dieses in deutscher Sprache verfaßten und mit jüdischen Lettern gedruckten Aufrufes die galizische Judenschaft auf, sich den Polen zu nähern und Hand in Hand mit ihnen unter Anerkennung der Solidarität, des Polenklabs bei den nächsten Reichsratswahlen vorzugehen. Daß die Juden in Galizien trotz ihrer bisherigen Assimilationsbestrebungen noch immer keine wirkliche Gleichberechtigung genießen und vielfach zurückgesetzt werden — müssen die seitsamen Rufer schon aus politischen Gründen sogar mehrfach zugeben. Und doch verlangen sie, daß sich die Juden während der Wahlen den Polen mit Haut und Haaren verschreiben. Diese Leute, die sich dem jüdischen Volke zu politischen Führern aufwerfen wollen, vergessen, daß im Lande eine drei Millionen starke ruthenische Bevölkerung wohnt, die mit gleichem Rechte verlangen kann, daß die Juden mit ihr zusammengehen.