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Neue Nationalzeitung · 1907-03-01 · Heft 12 (1.3.1907) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 12 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 11 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 12 »Neue National-Zeitung« Seite 11 JlSüiLLSUON RÜBEN BKAINIX: (Der Roman einer jüdischen Studentin.) In einem Landhause eines der lieblichen Schweizerdörfer mietete ich ein Quartier. Unter dem niederen Stubenfenster rieselte ein Bächlein, klar wie Kristall und an seinem Ufer sproßte ein junges, grünendes Wäldchen. Die ersten Tage meines Aufenthaltes in dem Dorfe waren voller Ruhe und glücklicher Empfindungen. Wie ein göttliches Paradies mutete mich die unendlich reiche Stille an. Jeder Baum, jeder Grashalm, des Bächleins Gemurmel, des Himmels Bläue, die Schafherden, die auf dem Felde weideten, die einfachen Bauern und ihre charakteristische Kleidung entzückten mich. Einige Tage waren verstrichen. Ich hatte keine Bücher, keine Zeitungen gelesen, mit keinem Menschen ein Wort gewechselt. Ich gedachte nicht der Vergangenheit, ich sorgte nicht für die Zukunft, mir genügte des Gegenwärtigen flüchtiger Augenblick, mir genügte meine kleine Welt und des Himmels blaue Decke, die sich über meinem Haupte wölbte. Meine Speisen bildeten Milch, Butter, Käse, Honig und Früchte. Wein, Alkohol und Fleisch kamen nicht über meine Lippen. Alltäglich pflegte ich rücklings auf einer der kleinen Anhöhen in der Nähe des Dorfes unter eines Baumes Schatten zu liegen oder ich blickte gedankenverloren stundenlang zum blauen Himmel empor. Und manchmal wandte ich dem hohen Himmel den Kücken und kehrte mich der Wiese zu und betrachtete eine Mücke, die auf einem Blumenkelche oder einem Blatte herumkroch. Dann schloß ich zuweilen die Augen, um aufmerksam dem Gesänge eines Vögleins oder dem Zirpen einer Grille zu lauschen und mein Ohr vermochte sich nicht an dem tausendstimmigen Chore satt zu hören. Mich ergötzte das sprossende Grün, ich fragte nicht, ich forschte nicht nach dem Zwecke seiner Existenz, nach seinem Keime, nach seinem Ziele. Die Natur selbst beantwortete mir alle metaphysischen Fragen in durchaus einfacher Art. Dort oben? — Der Himmel! Schön und klar ist der Himmel, hie und da überdecken ihn in flüchtigem Eilen leichte und trübe Wolken, vielgestaltig und formenreich. Dort unten? — Aehrenwogende Felder, grün bekränzte Fluren, kristallene Wässer, Blüten iiDd Rosen, Mücken und geschäftige Ameisen. Und vorne? — Ragende Berge, grünende Wälder! Und rückwärts? — Schöne, dichtgelagerte Häuschen. Abends bestieg ich mit Sonnenuntergang mein Lager, das mit schneeweißen Linnen überzogen war. Und bis zum Morgenwachen umfing mich der Schlaf, ein fester, süßer, gesunder Schlaf, traumlos, frei von aller Nervosität. Mit dem Frührot stand ich auf und lief in den nahen Wald, um das Erwachen der Natur zu schauen. Sieben Tage waren seit meiner Ankunft in dem Dorfe verstrichen. Da stand ich eines Morgens neben dem Fenster meiner Stube und sah dem Spiele der Wolken auf dem Firmamente zu. Auf einmal bemerkte ich ein junges Weib, das bei meinem Hause vorbeiging. Ein Kindlein sprang unbemerkt hinter ihr her. Ich schenkte ihnen wenig Aufmerksamkeit, denn mein Blick ward gefangen von dem fesselnden Zauber der Wolken, die auf dem Firmamente einander jagten, sich bald zersreuten und wiederum sich verbanden. Eben jetzt schien es nur mitten durch das. Netz der Sonnenstrahlen, als ob das Weib mich beobachtete. Aber meine Augen waren starr gerichtet auf die dünnen, weißen Fäden, die im Lufträume sich zusammenspannen, und eine bunte Fliege? die lieblich herumschwirrte. Noch ein Tag, noch zwei, drei Tage meines Glückes das voll schien — denn es ward einsam. Die Tage waren heiter, die Lutt ward erfüllt vom Hauche der Natur und von süßen Düften Warm und wohlig waren die Nächte. Und alle Empfindungen strömten wie ein alleiniges zusammen. Mein Blick weitete und vertiefte sich im Schauen. Die Ohren begannen zu unterscheiden die dünnen Stimmen, das vieltönige Geschwirre der Luft. Mein Geruch sonderte die verschiedenen Düfte, meine Finger fühlten die vielgestaltige Schönheit beim Betasten der Blumen. Noch einige Tage waren verstrichen. Es war nacli dem Mittagessen. Die Sonnenstrahlen brannten wie Feuer. Die ganze Natur war gleichsam bewußtlos. Ich lag mit verschränkten Armeu und gekreuzten Beinen unter einem Strauche. Und mitten durch das unklare Bild, das mich bewegte, drang der Ton eines Liedes zu mir, das jemand sprach: „Es war einmal ein König, und der König hatte eine Königin. Und die Königin hatte einen Weinberg und auf dem Weinberge wuchs ein Baum und auf dem Baum war ein Zweig und auf dem Zweig war ein Nest und darin war ein Vöglein. Schlaf, Kindlein schlaf! Die Königin starb, der Weinberg ward abgehauen, der Baum ist gefällt, das Vöglein verließ sein Nest. Ach wehe, daß dieses wundersame Leben vorbei ist Nur wer die Sterne auf dem Himmel zählt, der zählt die Wunden meines Herzens.'4 Ich wandte die Augen, um zu schauen, woher diese Stimme komme, die mir nicht ganz fremd schien und ich sah: dasselbe junge Weib, das vor wenigen Tagen an meinem Stubenfenster vorbeigegangen war. Sie saß auf einem nahen niederen Berge. Liebevoll streichelte und liebkoste sie ihr Kind. Arglos blickte ich sie an, sie be merkte mich nicht. Ich meinte, daß ich sie längst gesehen und mit ihr bekannt wäre. Aber ich erinnerte mich weder dieses Momentes, noch bemühte ich mich, mir den Ort und die Zeit unserer Begegnung ins Gedächtnis zurückzurufen. Abend. Ich sitze in meiner 8tube. Wolken umdüstern den Himmel. Der Regen tropft auf die Gasse. Dunkel verhüllt die Berge. Nur Wolkenhaufen und Wasserströnie ergießen sich vor dem Fenster, gestaltlos und wirre. Zum erstenmale fühlte ich, daß meine Stube sehr enge, dann empfand ich etwas wie einen Stich im Herzen. Dahin war die Ruhe meiner Seele; die Seele begehrte, unklares Sehnen erfaßte sie. Da stand vor meines Inneren Auge das Bild des Weibes, das ich am Mittag gesehen. War sie es? Mein Herz bebte. Auf einmal empfand ich die Einsamkeit in ihrer ganzen Leere. In dieser Minute meinte ich nutzlos zu grübeln. Meine Seele weilte bei dem Weibe, das das traurige Lied gesungen. Eine, zwei Stunden waren vergangen. In Gedanken versunken schritt ich in meiner Stube auf und ab. Da klopfte es leise an meine Tür. Ein Zittern durchrieselte meinen Körper. Ich öffnete die Tür. Da stand vor mir ein verhülltes Weib mit dunklen Zügen und leuchtendem Blicke. Das Licht der Lampe, die auf meinem Tische stand vermochte nicht alle Linien ihres Gesichtes zu beleuchten und sie erschien mir wie eine nächtliche Gestalt. Es war eine Minute, in der Sehnsucht und Erfüllung sich paarten. — Schemiel?! — rief sie beim Eintreten mit lieblicher, zittender Stimme. Freude und Kummer lagen in diesem Tone.

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