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Neue Nationalzeitung · 1907-03-01 · Heft 12 (1.3.1907) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 12 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 »Neue National-Zeitung« Nr. 12 aufgenommene Rede mit den Worten: „Ich kehre nach Rußland zurück, nm unseren dortigen Brüdern zu verkünden, daß ihr mit ihnen sympathisiert und daß ihr dem jüdischen Volk den nationalen Charakter nicht nehmen laßt." Montag war Dr. Lewin wieder Gegenstand herzlicher Ovationen anläßlich eines zu seinen Ehren veranstalteten Banketts. Tags darauf verließ er auf „Wilhelm dem Großen" unsere Stadt, um sich über Berlin nach Palästina zu begeben. Von dort gedenkt Dr. Lewin nach Rußland zurückzukehren, wo ihn die Strafuntersuchung wegen Unterfertigung des Wyborger Manifestes erwartet. New-York (Anfangs Februar). Heute ist Rabbi Gabriel Wolf Margolis auf der Durchreise nach Boston hier eingelangt. Der Genannte, als Heb Welwele von Grodno bekannt, ist einer der hervorragendsten Rabbiner Rußlands, wo er durch 30 Jahre als Groß-Rabbiner von Grodno tätig war. Rabbi Margolis als Verfasser der Werke: TAgudas Eizuw" und ^Schern olam" bekannt, hat sich jedoch entschlossen, dein Rufe nach Boston Folge zu leisten, um dort die Führung der orthodoxen Jüdenschaft zu übernehmen. Als er hier ankam, wurde er sofort von Journalisten über die Lage der Juden in Rußland interviewt und er gab folgende Aeußernngen ab: „Es ist wenig Aussicht vorhanden, daß sich in absehbarer Zeit die Lage der russischen Juden ändern wird. Sie haben nichts als die Hoffnung, wenn auch diese leider eine vergebliche ist. Die Dnma? Die russischen Juden fürchten, daß ihnen die zweite Duma ebensowenig bringen wird, wie die erste. Aber sie hoffen doch und greifen daher sehr energisch in die Wahlbewegung ein, um in der neuen Duma eine recht zahlreiche Vertretung zu erhalten." Ueber die Pogroms befragt, erwiderte Rabbi Margolis: „Ich darf leider nicht alles sagen, was ich darüber denke. Wir dürfen doch an unsere Brüder in' Rußland nicht vergessen." GEMEiNÖ5 UND VSRCkNSNÄUWillWW Wien. Der Zionistische Zentralverein hielt Dienstag, den 26. Februar im Kongreßbureau *eine Generalversammlung ab. In derselben wurde dem abtretenden Ausschusse einstimmig das Absolutorium erteilt und derselbe wieder gewählt. Von mehreren SeiteD wurde der Wunsch nach einer regeren Agitation für die zionistischen Ideen ausgesprochen, worauf von Seite des Vorstandes zur Kenntnis gebracht wurde, daß demnächst ein Zyklus von Vorträgen über die Geschichte des Zionismus und seine Aufgaben, sowie über die verschiedenen jüdischen Probleme abgehalten werden wird. Nach eingehender Diskussion wurde beschlossen, daß die Zugehörigkeit zur territorialistischen Organisation mit der zur zionistischen vereinbar sei. Wien. In der Ende Februar stattgefundenen Vorstandssitzung des „Jüdischen Kolonisationsvereinesmachte Dr. J. S. Bloch die Anregung, daß der Verein der vom Israel Zangwill geleiteten territorialistischen Bewegung sein Augenmerk zuwende, und ihr eine kräftige Unterstützung gewähre. Die Anwesenden, unter ihnen auch die Herren Baurat Oskar Marmorek und Heinrich York-Steiner unterstützten die Anregung des Herrn Dr. Bloch, welche, wie wir hören, noch Gegenstand eingehender Erörterungen im Vereinsvorstande bilden wird. Wien. Wir erhalten nachstehende Erklärung der jüdischnationalen akademischen Verbindung „Libanonia": In einigen Blättern erschien eine „Erklärung der jüdiscbnationalen Verbindungen Wiens", welche sich mit den|Demonstrationen beschäftigt, die neulich gegen eine deutschliberale Verbindung stattgefunden haben. Die akademische Verbindung „Libanonia" in Wien legt Wert darauf, vor der jüdischen OefFentlichkeit auch ihren Standpunkt gegenüber derartigen Vorfällen einfür allemal klarzulegen. Die akademische Verbindung „Libanonia" hat sich an diesen Demonstrationen nicht beteiligt; sie hält es weder mit ihren Prinzipien vereinbar, der Abneigung oder Verachtung für politische Gegner durch Straßendemonstrationen Ausdruck zu geben, noch für politisch klug, durch derartige Gewaltmaßregeln den angegriffenen Gegnern die Sympathie der OefFentlichkeit zuzuwenden. Die akademische Verbindung „Libanonia" wird, ihren Prinzipien treu, nach wie vor den jüdischna tionalen Standpunkt mit Entschiedenheit, aber immer mit Würde vertreten. Wien. Am 23. Februar fand im Sitzungssaale der Kultusgemeinde die erste Generalversammlung des „Wiener Kredit- und Vorschußvereiues" (Site: H., Stephaniestraße 2) statt. In Abwesenheit des erkrankten Präsidenten k. k. Hofrat S. T a u ß i g begrüßt Vizepräsident S. B r o d die anwesenden Mitglieder, indem er einen kurzen Rückblick auf die Entstehung dieser zur Förderung des jüdischen Kleingewerbes und Handels ins Leben getretenen Genossenschaft wirft. Er konstatiert, daß die Genossenschaft nebst dem bereits erwähnten Sicherstellungsfonde per K 33 060, auch noch Genossenschaftsauteile im Betrage von K 11.474 und einen Reservefonds besitze. Hievon wurden die gesamten Gründungskosten per K 3959 in Abschreibung gebracht. Bis Schluß des Vorjahres würden angesucht: Darlehen . . . K 125.000 Hievon abgelehnt oder reduziert............„ 88.643 Bewilligt und zugezählt................K 36^357 Die Versammlung erteilt dem Vorstande einstimmig das Absolutorium. Mit der gleichen Einstimmigkeit beschließt die Versammlung die vorgeschlagene Statutenänderung. Dieselbe bezweckt hauptsächlich die Herabsetzung der Anteile von K 100 auf K 50 und die Vermehrung der Vorstandsmitglieder auf 12. Es wurden in den Vorstand wiedergewählt Herr Dr. Maxm. Steiner, die Kooptierung des Herrn S. Bettelheim bestätigt, und die Herren Ignaz Klein, Dr. Gustav Leipen und kais. Rat Emanuel Taußig neugewählt. Dem Vorstande wurde das Recht eingeräumt, sich im Falle einer Fusionierung auf zwölf Vorstandsmitglieder zu ergänzen. Wien. Sonntag, den 3. März findet im Jüdischen Arbeiter^ Bildungsverein, II., Obere Donaustraße 57, ein Vortrag des Herrn Dr. Herman Kadisch über: „Die verschiedenen Richtungen im Sozialismus und das jüdische Proletariat" statt. Wien. Donnerstag, den 7. März 1907, präzise halb 8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines, I., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag der bekannten Schriftstellerin Nahida Ruth- Lazarus über das Thema: „Lazarus, der Begründer der Völkerpsychologie" statt. Eintritt frei. Prag. Die „Jüdische akad.-techn. Verbindung Barissia" hat für das Sommersemester 1907 nachstehende Chargenwahlen vorgenommen: Cand. phil. Moritz Fischöl X; Cand. ing. Oskar Stenier XX FX; stud. med. Walter Kohner XXX. . Franzenshad. Der neugewählte Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde hat sich am 24. d. M folgendermaßen konstituiert: Jakob K o h n als Vorsteher, Theodor Spiegl als Vorsteher-Stellvertreter, Dr. L. Steinsberg als Kassier, Dr. Jul. Hirsch als Rechnungsführer und Emanuel Lobl Jakob Schneider und Max Simon als Beiräte. An die der Konstituierung gefolgten Sitzung des neuen Vorstandes wurde der Beschluß gefaßt, anläßlich des 60jährigen Regierungslubiläums Sr. Majestät des Kaisers, sowohl die Synagoge als auch das Kaiser-Jubiläumshospital für arme israelitische Kurbedürftige, welches zur Feier des 50 jährigen Regierungsjubiläums im Jahre 1898 erbaut worden ist, nach besten Kräften auszugestalten. Ü|Uä AILCN UEfflCiLEN Achtung vor Argentinien! Das k. k. Ministerium des Innern erläßt folgende Warnung: „Nachrichten, welche aus Argentinien einlangen, lassen erkennen, daß die Auswandeiung nach diesem Lande aus den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern wieder im Wachsen begriffen ist Angesichts dieses ümstandes macht das Ministerium des Innurn darauf aufmerksam, daß, soweit demselben bekannt, es gegenwärtig ohne besondere Verbindung fast unmöglich ist, guten ßodeu zu entsprechenden Preisen selbst in den entlegensten Gegenden Argentiniens."^ erwerben. Die staatlichen Ländereien, welche die argentinische Sektion für Kolonisation an die Einwanderer unter anscheinend günstigeren Bedingungen abgibt, sind wenig ertragsfähig und bedarf es jahrelanger schwerer Arbeit, bis der Boden nur einigermaßen gewinnbringend wird. Die Kolönisationsgesellschaften und Private besitzen allerdings unter anderem auch vorzüglichen Boden, doch wird derselbe nur zu übertrieben hohen Preisen abgegeben. Sehr oft sind die Kolonisten weit abseits eines jeden Kommunikationsmittels situiert und infolgedessen gezwungen, ihre Feldfrüchte an Agenten zu niedrigen Preisen abzugeben. Außerdem häufen sich die Fälle, in welchen den Kolonisten die Raten des Kaufpreises für den Boden von hierzu nicht berechtigten Personen in betrügerischer Weise entlockt werden. Keldarbeitern ist von der Reise nach Argentinien ebenfalls abzuraten, da Arbeit mit Ausnahme der Erntezeit nur sehr schwer zu finden ist und auch die Lohnverhältnisse keineswegs günstig sind. Das Leben in Argentinien ist im allgemeinen mindestens doppelt, in den größeren Städten drei- oder viermal so teuer wie in Europa."

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