Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 12 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 8 »Neue National-Zeitung« Nr. 12 Die {Sozialdemokraten haben bereits ihre Kandidaten uoniiuieit. Es sind auch Juden darunter In Wien Dr. Ellenbogen, in Böhmen Dr. Verkani und in Schlesien Dr. C z e c h. Zahlreicher sind die Kandidaturen der Polen mosaischer Konfession innerhalb dieser Partei. Für Lemberg (Judenviertel) -wurde Dr. D i a m a n d, für Kolomea Dr. S c h o w, für Stanislau Dr. Seinfeld und für die Landgenieinden Biala—Oswiocim Dr. Bernard Groß aufgestellt. Mit weichem Erfolg wird sich zeigen. Oesterreich Ungarn. Wien. Aus der Plenarsitzung des K u 11 u s v o r s ta nd e svom 24. Februar 1907 unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Im Einlaufe befinden sich: Eine Mitteilung, daß Herr Moriz Edler von Kuffner anläßlich der Barmizwah seiner Söhne Johann und Stefan der israelitischen Kultusgemeinde Wien eine Schenkung im Betrage von K 20.000— mit dem Auftrage übergeben hat, daß die Interessen dieses Kapitales solchen Vereinen zuzuführen sind, welche sich mit der Unterstütznug armer jüdischer Kinder, beziehungsweise mit der Fürsorge für dieselben befassen. Die Bestimmung hierüber soll dem jeweiligen Präsidium der Kultusgemeinde überlassen bleiben, jedoch entspreche es den Intentionen des Spenders, daß zunächst und bis auf weiteres mindestens 3/4 der Interessen als Unterstützung von Horten für arme Kinder und in erster Reihe diese Unterstützung einem derartigen Kinderhorte im XVI. und XVII. Bezirke zugeführt werde. Herr Moriz von Kuffner übermittelte gleichzeitig das einjährige Zinsenerträgnis per K 800—, welches im Sinne der obigen Bestimmungen bereits verwendet wurde. Dem Spender wird der Dank votiert. Im Einlaufe befinden sich weiters: Ein Dankschreiben der Marie Kürzel- Koppfür die Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlicli des Hinscheiden» ihrer Eltern Dr. Josef Kopp und dessen Gattin. Mitteilung der Kultusgemeinde Graz von dem erfolgten Hinscheiden ihres Rabbiners Dr. Samuel Mühsam. Der Präsident teilt hiezu mit, daß er namens des Kultusvorstandes ein Kondolenztelegramm und ein Beileidsschreiben an die Kultusgemeinde Graz gerichtet habe. Im Präsidialbericlite bringt der Vorsitzende zur Kenntnis, daß der Magistrat eine Beschwerde des Vereines .Kesser Malchus" gegen die Kultusgemeinde wegen Nichtbewilligung eines Bethauses im VIII. Bezirke aus den von dem Vprstande geltend gemachten Gründen abgewiesen hat. Dem Wiener Volksschulvereine „Talmud Thora", dessen bisheriges Schulgebäude über behördlichen Auftrag als den hygienischen Anforderungen in keiner Weise entsprechend, gesperrt werden mußte, wird zur Errichtung eines neuen Schulgebäudes eine Bausubvention von je K 15000:— pro 1907 und 1908 bewilligt. Der Vorsitzende gedenkt bei diesem Anlasse in warmen Worten des hochverdienten Reorganisators und Förderers der Anstalt, Herrn Heinrich Berger s. A. und spricht unter Zustimmung der Versammlung allen Persönlichkeiten, welche durch munifizente Spenden die Errichtung des Neubaues gefördert haben, sowie weiters den Herren, die sich der mühevollen Aufgabe des Spendensammelns unterzogen haben, Oberrabbiner Dr. M. G-üdemann, I. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn und Maler David Kohn den Dank des Vorstandes aus. Hierauf wird im Sinne des Statutes eine entsprechende Anzahl von Vertrauensmännern in die Bezirkskommissionen berufen. Ueber eine an den Präsidenten gerichtete Interpellation teilt derselbe mit. daß er einem Funktionär der Kultusgemeinde, welcher vor kurzer Zeit Verfügungen des Kultus Vorstandes zum Gegenstande einer unstatthaften (?) journalistischen Kritik gemacht hatte, den Vorgang ausgestellt habe. Diese Rüge wurde dem Oberkantor Bela Guttmann wegen seiner Stellungnahme zur Affaire Singer erteilt. Amrierk. d. Red.) Der Interpellant nimmt diese Beantwortung zur Kenntnis. Wien. (Orig.-Korresp.) Der bekannte Redakteur des „Neuen Wiener Tagblatt", kais. Rat Emanuel Singer, wurde vom Kaiser mittelst ..besonderer Allerhöchster Anerkennung" ausgezeichnet. Diese seltene Auszeichnung ist vom Kaiser vorher lediglich an drei Personen, und zwar an Fürsten Fugger, Grafen C1 a m - G a 11 a s und Professor S u e ß, Präsidenten der Wiener Akademie der Wissenschaften anläßlich seines siebzigsten Geburtstages verliehen worden. Wien, 22. Februar. (Orig.-Korr.) Das Kuratorium der Baron Hirseh'schen Schulstiftung hat an Stelle des verstorbenen Hofrates von Frydman den Wiener Advokaten Dr. Edmund Kornfeld kooptiert. Wie sein Vorgänger hat auch er sich bisher von allen jüdischen Angelegenheiten fern gehalten. Präsident David von Gutmann scheint iedoch gerade diesen Kreisen mit besonderer Vorliebe seine Mitarbeiter zu entnehmen. Krakau. (22. Februar.) Wenn ich Ihnen einen Bericht über unsere politischen Verhältnisse schreiben soll, so müßte ich eigentlich mit der Frage der Wahlbewe^ung anfangen. Allein nach dieser Richtung hätte ich so ziemlich gar nichts zu berichten. Bis auf die Sozialdemokraten, welche bereits in vier städtischen Bezirken (mit Ausnahme des Kamzierz) ihre Kandidaten nominiert haben, lassen die anderen Parteien, Stanczyken, Demokraten und Juden noch gar nichts von sich hören. Es hängen so manche Kandidaturen in der Luft, man netint auch be stimmte Namen, aber „nichts Bestimmtes weiß man nicht". Speziell am Kazmierz scheinen die in Aussicht genommenen Kandidaten sich bis zum letzten Moment nicht demaskieren zu wollen, um die Wählerschaft zu überraschen und ihr keine Zeit zum Nachdenken zu lassen Von den Stanczyken. die in der jüdischen Wählerschaft, speziell in den breiteren Schichten der Bevölkerung sehr wenig Anhänger zählen, mag das begreiflich erscheinen, nicht aber bei den „unabhängigen Juden", die sich g.-rn eine jüdische Volkspartei nennen, und von denen man doch voraussetzen sollte, daß sie sich bemühen werden, in ausgiebiger und energischer Weise die jüdischen Wähler durch zahlreiche Wählerversammlungen über die Bedeutung der nächsten Keichsratswahlen aufzuklären. In letzter Zeit fand lediglich eine vom „Verein reisender Kaufleute" veranstaltete Versammlung statt, in welcher Dr. S. r Landau aus Wien vor einem sehr zahlreichen Publikum ^[)er ^Q jüngste Reform derGewerbeordnung sprach. Dr. L a n d a u beleuchtete zuerst die Geschichte und die Entwicklung der Gewerbeordnung in Oesterreich und wies nach, daß sich durch dieselbe wie ein roter Faden der antisemitische Geist ziehe. Speziell die letzte Refoim mit der Einführung des Befähigungsnachweises für den Handelsstand sei geeignet, den jüdischen Handelsstand Galiziens und der Bukowina zu ruinieren. Er warnte an der Hand der Gesetzesvorlage vor den Gerüchten, welche behaupten, daß der Befähigungsnachweis für Galizien erst in 10 Jahren eingeführt werden soll und wies auf den Artikel III hin, worin es ausdrücklichheißt, daß der Handelsminister berechtigt ist, im Verordnungswege jederzeit den Zeitpunkt des Inkrafttretens der Gewerbevorschriften über den Befähigungsnachweis im Handelsgewerbe in Galizien und Bukowina zu bestimmen. Wiewohl dieser Vortrag in den kaufmännischen Kreisen sehr viel Interesse erregt hat, haben ihn unsere polnischen Blätter totgeschwiegen. Es ist nämlich unserer polnischen Presse angenehmer, die Jüdischnationalen und Zionisten zu verleumden und sonst zu verdächtigen, als sich mit einzelnen Personen und deren Anschauungen auseinanderzusetzen. Ein besonderes Fälschungsstückchen auf diesem Gebiet hat sich der Wiener Korrespondent des hiesigen „Czas" geleistet. Dieses Individuum hat einfach in der heutigen Nummer in so dummer Weise die jüdischnationale Bewegung dargestellt, daß man diesen Mann nur für einen Dummkopf oder für einen Verleumder halten kann. Wie soll man es denn sonst nennen, wenn dieser Herr die jüdischnationale Bewegung als das Werk der Wiener liberalen Jnden hinstellt, welche, da sie in der liberalen Partei keine Rolle mehr spielen können, nunmehr Galizien erobern möchten. Vor sonstigen politischen Fälschungen nicht zurückschreckend, behauptet dieser Mann weiter daß sich ans obigen Gründen die Wiener Presse der jüdisch-nutionalen Bewegunggegenüber wohlwollend verhält. Auch dies ist erlogen und zwar bewußt erloger. Ich erkläre, daß der Wiener Korrespondent des „Czas" nicht