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Neue Nationalzeitung · 1907-03-01 · Heft 12 (1.3.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 12 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 12 »Neue National-Zeitung« Seite 7 seiner Rede stand nicht auf der Höhe der Begeisterung, von der sie getragen wurde. Es fand sich auch ein „Kandidat", der den lustigen Teil des Abends besorgte — Dr. Viktor Rosenfeld. Dieser glänzende Verteidiger sollte doch eines lieber unterlassen: in den jüdischen Versammlungen zu sprechen und sich als einen begeisterten Juden hinzustellen. Wenn er auch ausruft: „Wir lieben das Judentum, wir sind stolz darauf", so finden sich ja doch Leute in der Versammlung, die ihm zurufen, daß er seinen einzigen Sohn mit sieben Jahren taufen ließ. Der stolze Jude gerät dann in eine große Verlegenheit. Tatsächlich sah sich auch Dr. Rosenfeld, der um zehn Uhr in einer außerordentlich pathetischen Rede seine — Kandidatur angemeldet hatte, eine Stunde später veranlaßt, seine Kandidatur zurückzuziehen . .. Frostig und doktrinär wirkte die Kandidatenrede Dr. Ofners. Er kam als „überzeugter Demokrat und Sozialpolitiker". Er werde „für alle Armen, für die ganze Gesellschaft sorgen". Ein Aller weit-Versorger. Sorgen die anderen Parteien für uns? Sagen denn die Agrarier, die Industriellen, die Sozialdemokraten, daß sie für die ganze Gesellschaft sorgen wollen? Verkünden sie nicht vielmehr offen, brutal offen, daß sie nur für ihren Stand, für ihre Klasse sorgen wollen. Und w i r J u d e n, für die niemand sorgt, sollen für andere sorgen; wir sollen Männern jüdische Mandate geben, die nicht jeden Tropfen ihres Blutes für ihr jüdisches Volk, für ihr gepeinigtes jüdisches Volk, opfern wollen, sondern Fremde in unserer Mitte sind, aus einer fremden Welt zu uns kommen, weil wir ein Mandat zu vergeben haben? Dr. Ofner ist ein sehr tüchtiger Jurist; auch ein geschulter Denker. Aber als Abgeordneten können ihn wohl die Sozialpolitiker, nicht aber die Juden brauchen. Wir lassen nunmehr den Versammlungsbericht folgen: Die Versammlung wurde vom Vorsitzenden Sigmund Mayer eröffnet, der dem verstorbenen Gründer des Vereines Dr. Zins, einen warmen Nachruf widmete nnd sohin das Wort zum Referat an Herrn Dr. Jakob Ornstein erteilte. Die Ausführungen dieses Redners gipfelten darin, daß den Juden die Mandate am Kai und in der Leopoldstadt 1 gebühren; doch müßten sie einig sein. Für den ersteren Bezirk empfehle die Union den kaiserlichen Rat Anninger, für die Leopoldstadt — Niemanden. Hierauf stellten sich die einzelnen Kandidaten vor. Zuerst für den Kaibezirk kais. Rat Anninger, Dr. Oskar Hein und Dr. Viktor Rosenfeld. Kais. Rat Anninger wies auf seine Tätigkeit in der „Union" und speziell in der Rechtsschutzaktion hin. Seiner Ansicht nach müsse ein jüdischer Parlamentsvertreter von makellosem Charakter und der Vertreter des Kais ein Kaufmann sein. Er kenne die Leiden und Lasten der Kaufleute und werde ihren Wünschen Rechnung tragen. Dr. H e i n erzählte von seinen Flugschriften wider Türk, Schönerer und Schneider, von seinem Kampfe wider das Schächterverbot und gegen Lueger, für die Unterlehrer und die Modernisierung der Gewerbeordnung. Er schloß mit den Appell: „Der Kandidat soll erwählt werden, der ohne Rücksicht auf die Person und den Stand der geeignetste zu sein scheint. Er muß in der einen Hand die Kelle und in der anderen Hand das -Schwert halten. Die Kelle, um mitzubauen, das Schwert, um abzuwehren." Die sich daranschließende Episode der Kandidatur des Dr. Rosenfeld wurde bereits in der Einleitung geschildert. Auch Herr Dr. Heinrich Schreiber meldet in kurzen Worten seine Kandidatur an. Nun kam der zweite Bezirk an die Reihe. Es meldeten sich als Kandidaten Dr. Bloch, Dr. Ofner und Dr. Schalit, Dr Bloch schilderte eingehend seinen Kampf wider Rohling und die Blutlügner. Er stellte es als eine Ehrenpflicht der österreichischen Juden hin, ihn ins Parlament zu entsenden, damit er dort seine jüdischen Kenntnisse im Dienste des Judentums verwende. Dr. Ofner sprach u. a. folgendes: „Ich bin ein überzeugter Demokrat und Sozialpolitiker. Wenn wir für die Armen sorgen, sorgen wir für die ganze Gesellschaft. Ich kann wohl sagen, daß, wenn ich auch Jude bin, ich mich immer im Parlament einer gewissen Achtung erfreut habe. (Zwischenrufe: Was ist's mit Ihrem Deutschtum?) Ich bin ein guter Deutscher und ein guter Jude!. Wir lassen uns weder von den Alljuden noch von den Alldeutschen beeinflussen. Es gab eine Zeit, in welcher der Jude völlig zurückgestossen wurde. Das war, als die Christlichsozialen unter Schönerer standen. Wir sind davon überzeugt, daß dies jetzt nicht mehr so schlimm ist. Es ist ein gewisser Fortschritt nicht zu leugnen. Wir müssen in der Mitte bleiben." Als letzter Kandidat sprach Dr. Schalit, dereine Reihe freiheitlicher Postulate aufstellte und die bisherige liberale Politik der Juden scharf kritisierte. Damit war die Tagesordnung und, wie es sich zeigte, auch die Geduld der Anwesenden erschöpft. Die Versammlung löste sich auf. Sie war im großen und ganzen nicht ungemütlich. Das richtige Wahlfieber ist aber noch nicht vorhanden. „Unabhängige Juden" nennt sich eine seit mehreren Jahren bestehende Partei in Krakau, die, hervorgegangen aus dem lokalen Kampfe der jüdischen Intelligenz gegen die Uebermacht des Kahals eine Zeitlang durch ihr rein negatives Programm der Kritik und Antikorruption die demokratisch gesinnten Juden um sich scharte und für ihre Führer Gemeinderatsmandate eroberte. Ein positives Programm war die Partei nie in der Lage aufzustellen, schon deshalb, weil ihren Führern der Mut fehlte, zur wichtigsten Frage im Judentume Stellung zu nehmen: zur Frage des j üdischnationalen Gedankens. Bald waren sie Polen, bald waren sie Juden, bald waren sie beides; insgeheim kokettierten sie mit den polnischen Demokraten und Sozialisten. Wohl hatten sie den Mut gegen den Kahal und die Stanczyken zu schimpfen, aber das ist leicht, das kann bald einer. Wer aber den stolzen Titel „unabhängiger Jude" führt, der sollte auch den Mut haben: Jude und unabhängig zu sein. Als „unabhängiger Jude" hat man noch nicht das Privileg, die jüdischen Wähler als Stimmvieh in die Arme der polnischen Demokraten oder Bauernbündler zu treiben. Das ist gerade so schimpflich, wie das Treiben der von diesen ,.unabhängigen Juden" so gelästerten Kahaljuden. Wenn sich ein Pole „mosaischer Konfession", ein Assimilant mit den polnischen Parteien an einen Tisch setzt, so ist das begreiflich. Aber der „unabhängige J u d e" gehört nur zum jüdischen Volke, das von allen Seiten verfolgt, bedrängt und unterdrückt wird — sonst ist sein ganzes Judentum eine politische Heuchelei... Am 25. Februar fand in Krakau eine Vertrauensmännerversammlung der polnischen demokratischen Partei statt. An dieser nahmen auch die Führer der Krakauer „unabhängigen Juden" teil. Da an einer solchen nationalen Versammlung doch nur Polen teilnehmen konnten, so legten diese Herren ein polnischnationales Glaubensbekenntnis ab. Sie ließen sich auch beide in die polnisch-demokratische Parteileitung (Rada Naczelna) wählen. Wo bleibt da die Unabhängigkeit, wo bleibt das Judentum? Beides fällt zwischen die zwei Stühle, auf denen die Führer der „unabhängigen Juden" sich breit machen.

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