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Neue Nationalzeitung · 1907-03-01 · Heft 12 (1.3.1907) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 12 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 »Neue National-Zeitung« Nr. 12 Die Duiiiawahleu. Petersburg, den 23. Februar. So weit sich die Ergebnisse der soeben vor sich gehenden Wahlen in die zweite russische Duma zur Stunde übersehen lassen, können zwei Tatsachen als feststehend bezeichnend werden: die Regierung hat eine gewaltige Niederlage erlitten, und die Juden werden in der zweiten Duma viel schwächer vertreten sein, als sie es in der ersten, so schmählich auseinandergejagten waren. Die Motive, welche die Niederlage der Regierung und den Sieg der oppositionellen Parteien herbeiführten, liegen ja auf der Hand. Die Regierung hat sich einfach bezüglich des Grades der politischen Reife der breiten Massen der russischen Bevölkerung getäuscht, beziehungsweise durch ihre Administrativbeamten täuschen lassen. Die blutigen Regressivmaßregeln, durch welche die Regierung den Freiheitsdrang der Völker Rußlands zu unterdrücken bestrebt war, hatten die entgegengesetzten Folgen gezeitigt, als welche die Bureaukratie erhofft hatte. Für jeden getöteten Freiheitskämpfer erstanden Hunderte von bis dahin indifferent gewesenen Wählern der Opposition; jedes Todesurteil der Feldgerichte löste in Tausenden den Schrei nach rächender Gerechtigkeit aus. Und so ist denn das viele Märtyrerblut nicht vergebens genossen: die Henker waren die ungewollten, aber sichersten und erfolgreichsten Agitatoren für die mehr oder weniger radikalen Programmforderungen der linksstehenden Parteien. Was war aber der Grund, daß gleichzeitig mit der Regierung auch die Juden eine so beklagenswerte Niederlage erlitten? Daß sie nicht nur quantitativ, sondern — was vielleicht noch bedauerlicher ist — auch qualitativ geschwächt in die neue Duma einziehen? Sämtliche jüdischen Parteien, welche mit einem jüdischen Programm in den Wahlkampf eingetreten waren, von den Bundisten über die „Dargreieher", welche die Erreichung der Emanzipation der Juden im Lande anstreben, bis zur kleinsten zionistischen Fraktion, liegen besiegt auf der Wahlstatt. Und unter den wenigen Juden, denen es gelang, ein Mandat in die Duma zu erlangen, sucht man vergebens einen namhaften Parteimann, oder einen, den die Verdienste um das Judentum oder hervorragende persönliche Eigenschaften zur Vertretung jüdischer Interessen im russischen Parlamente geeignet machen würden. Der Grund für diese traurige Erscheinung liegt nicht nur in der Tatsache, daß die jüdischen Vertreter der ersten Duma zum größten Teile gewaltsam ihres Wahlrechtes beraubt wurden, sondern mehr noch in dem Umstände, daß die jüdischen Parteien und Fraktionen, deren Zahl hier in jüngster Zeit ins Lächerliche wuchs, sich leider nicht auf ein gemeinsames innerpolitisches Programm zu einigen vermochten, und über ihre oft kleinlichen Parteiinteressen, die Interessen der jüdischen Nation in Rußland vergaßen. So kam es, daß in den meisten Städten, in denen die Juden ' bei „geeinigtem Vorgehen einen jüdischen Kandidaten hätten durchbringen können, allesamt unterlagen, während die Reaktionären, oder im besten Falle ein Kadett den Sieg davontrug. So war es auch möglich, daß in ganz Polen, wo die Juden eine Million Seelen zählen und kein einziger Jude ein Mandat erhielt, wenn man den getauften Warschauer Advokaten Heinrich Konic, der in Plotzk gewält wurde, nicht als Juden nehmen wilL Selbst das Mandat von Vilna haben diesmal die „Nationalen Demokraten" Polens den Juden entrissen. Der zweiten Duma wird — vorausgesetzt, daß sie nicht nach kurzem Leben das Schicksal ihrer Vorgängerin teilen wird — eine große, historisch unabsehbare Bedeutung prognostiziert. Von ihr erhofft man die Befreiung der Volksmassen und der einzelnen Völkerschaften des Zarenreiches von dem Joche der absolutistischen Bureaukratie. Die einzelnen sozialen und nationalen Gruppen werden ihre Forderungen nachdrücklichst vertreten sehen, nur die Juden, die mehr als fünf Millionen Juden werden ohne entsprechende Vertretung, sich mit den Rechtsbrosamen zufrieden geben müssen, die ihnen von den anderen Nationalitäten und Parteien zugeworfen werden. Und wer weiß, ob sich diese Nationalitäten und Parteien, nicht den Einzeljuden, sondern dem jüdischen Volkskörper gegenüber gerechter und verständnisvoller zeigen werden, als es jetzt die Bureaukratie tut? Ob nicht an Stelle der demütigenden Knute, der massenmörderischen Pogrome, das langsam tötende Gift der alles verschlingenden Aufsaugung treten wird? Ja, selbst die Pogromgefahr ist nicht überwunden, so lange die Juden nicht die politische Macht besitzen, zu verhindern, daß — Krus^chewan Dumavertreter der jüdischen Stadt Kischene'w werde. . . . Den Juden Rußlands fehlt heute mehr als je ein Führer, der über all' den vielen einander widerstrebenden, einander mißverstehenden und allesamt den Ernst der Situation verkennenden Volkssplitter stehend, sie zu einem einzigen, von einem nationalen Gedanken beseelten Volkskörper zusammenzufügen imstande wäre, nicht nur die Lösung der allgemeinen russischen Krise, sondern auch der Judenfrage wird auf die politischen Vorgänge des Auslandes einen mächtigen Eindruck ausüben. Diese Lösung der Judenfrage in Rußland wird aber auch von einschneidender Wirkung auf die Lage der Juden in den übrigen Ländern sein, und das sollten unsere jüdischen Parteien jedenfalls bedenken. Z. Z. WftßlBIEWgSUNQ Wien, den 26. Februar. Gestern fand im „Hotel zur Post" die vom Verein „Union" einberufene erste Wählerversammlung behufs Anhörung der Kandidaten für die Reichsratswahlbezirke Wien-Kai und Leopoldstadt I statt. Die Versammlung war auf geladene Gäste beschränkt und daher schwach besucht. Die Stimmung der Versammelten, ihre zum Ausdrucke gelangten Sympathien und Antipathien bieten kein Bild der Auffassung, die über die Personen der Kanditaten in der Wählerschaft herrschte. Es fand keine Abstimmung über die einzelnen Kandidaturen statt. Die Kandidaten haben sich lediglich vorgestellt; sie versuchten auch ein — Programm zu entwickeln. Bei den meisten überwog jedoch die persönliche Note. Bis auf Dr. Schalit sprachen alle nur von ihrer Person, von ihrer politischen Vergangenheit und ihren Verdiensten. Und während sie alle nur als Juden von jüdischen Wählern ein Mandat anstrebten, ließen sie über die kleinlichen Fragen des Bezirkes das weltbewegende Problem der Judenfrage aus dem Auge. Es wurde viel gesprochen vom Telephon, von Rohling, von Lueger, aber keiner, kein einziger erhob sich zu jener wahren Höhe des jüdischen Volksvertreters, der in die Geschichte des Gesamtjudentums eingreifen will, den die russischen Pogroms und der Jammer des jüdischen Proletariats, den die Unschuld des armen Hilsner und der Schmerz Aratens, des Vaters der in einem konstitutionellen Staate bei hellichtem Tage geraubten Tochter, nicht zur Ruhe kommen lassen, bis diese Schandtaten gerächt oder gesühnt werden. Dr. Schalit versuchte es in seiner Einleitung, statt der Person das Programm in den Vordergrund zu rücken, aber die Form

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