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Neue Nationalzeitung · 1907-03-01 · Heft 12 (1.3.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 12 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 12 »Neue National-Zeitung« Seite 5 Würde des Rabbinerstandes eine empfindliche Einbuße erleiden muß, ist selbstverständlich, davon gar nicht zu sprechen, daß das stetige Anwachsen postenloser Rabbiner, für die absolut keine Plätze vorhanden sind, zumal sie drüben in der Neuen Welt ihre eigenen Rabbinerbildungsanstalten gegründet haben, höchst bedenkliche Folgen nach sich ziehen muß. Ob nun unter solchen Verhältnissen die Erhaltung eines Rabbinerseminars, das nichts weiter anstrebt, als in den Tag hinein Rabbiner zu emittieren, ein Verdienst für sich in Anspruch nehmen dürfe; das zu entscheiden überlassen wir jenen, die die Verantwortung zu tragen haben und denen über kurz oder lang bange genug vor dieser Verantwortung werden dürfte. Und wie steht es mit der erhofften Einwirkung des Seminars auf die Wiederbelebung der jüdischen Wissenschaft, wie um sein Streben, weite jüdische Kreise für dieselbe zu interessieren und sie über ihre Religion und Geschichte zu belehren? Schlimm genug. Nicht nur hat es selbst keine Initiative in dieser Richtung ergriffen, es hat sich sogar dort, wo von anderer Seite, aus Laienkreisen, die Anregung zur Schaffung von ßelehrungs- und Aufklärungsstätten für das Volk ausgegangen, nicht beteiligt. Die ..israelitisch-theologische Lehranstalt" ist niemals aus ihren vier Wänden herausgetreten, ihr Licht ist nicht in die weite Oeffentlichkeit gedrungen, sie hat es nicht verstanden, die lehrbegierige Menge in ihren Bannkreis zu ziehen; sie fristet vielmehr seit ihrem Bestände ein verborgenes, allerdings behaglich-idylisches Dasein, und die einzigen Früchte, woran man sie erkennt, sind die Rabbiner, die sie jährlich von ihrem Baume schüttelt: Rabbiner, die entweder in Stellungen sind oder schweißtriefend nach solchen suchen. Aber, wird mancher leicht einwenden, es ist doch nicht jedermanns Sache und Aufgabe, als Volkslehrer aufzutreten; die Lehrer der „israelitisch-theologischen Lehranstalt" sehen wohl ihren Beruf darin, neben ihrer Mission, Rabbiner heranzubilden, in der stillen Gelehrtenstube die Wissenschaft des Judentums zu bereichern und zu befruchten, dessen Lebensbaum frisch und jung zu erhalten und ihm ewig neue Früchte abzugewinnen, dieser Wissenschaft -mit dem fortschreitenden Zeitgeist immer neue Wege zu erschließen und ihr neue, religiöse Werte zu entringen. Wollte Gott, dem wäre so! Wir würden ihr dann gern alle ihre Unterlassungssünden verziehen und den Mantel der Liebe über sie geworfen haben. — Allein wir haben seit Anbeginn die Avissenschaftlichen Darbietungen dieser Anstalt eifrig verfolgt, haben aber in denselben im Laufe der langen Jahre auch nicht einen einzigen neuen Gedanken, keine einzige, die Religionsforschung auch nur um Haaresbreite vorwärtsbringende Anregung gefunden. Alles bewegt sich hier in alten Geleisen, auf breitgetretener Heerstraße und die ganze Bewegung — wenn überhaupt von einer solchen gesprochen werden darf — die sich hier kundgibt, besteht darin, daß die auf dem Wege liegenden Steine mit großer Geschäftigkeit hin und her und her und hin geschoben werden. Leisten alle Rabbinerseminare samt und sonders auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft kaum nennenswertes, so leistet das Wiener Rabbinerseminar, das jüngste und zugleich das geringste, noch weniger. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen: seit ihrem langem Bestände haben sie alle zusammen keine einzige hervorragende wissenschaftliche Kapazität, keinen einzigen bedeutenden, selbständig forschenden Theologen hervorzubringen vermocht. Das allein gäbe zu denken. Dafür sind sie konservativ, alle ausnahmslos. Selbst die Berliner ..Hochschule für die Wissenschaft des Judentums", die ursprünglich ausgezogen war, um freie Religionswissenschaft zu treiben, sie ist heute, verleugnend den Geist ihrer Gründer, in den windstillen Hafen des Konservatismus eingelaufen. Natürlich. Alle vor mehr als einem halben Jahrhundert auf dem Gebiete der jüdischen Religionswissenschaft erwachte, reiche Ernte verheißende schöpferische Kraft ist in den letzten Dezennien völlig versiegt. Eine Müdigkeit und geistige Trägheit hat dank der Wirksamkeit der die Geistesschwingen lähmenden Seminarien in den Reihen der jüdischen Theologen Platz gegriffen. Man sehnt sich da nach Ruhe und Bequemlichkeit, und es ist bequemer, sich der Krücken zu bedienen als die eigenen Heine anzustrengen, lohnender, geebnete, wenn auch wenig beleuchtete Wege zu gehen, als erst neue Wege in die Felsen zu hauen; leichter, eine schiefe, glatte Ebene hinuuter zu gleiten, als schwerzugängliche Höhen geistiger Freiheit hinan zu klimmen. Die Orthodoxie ermöglicht ein kampfloses Eingehen in die behagliche Ruhe, sie bereitet ihren Anhängern ein warmes Nest; der Fortschritt fordert rastlose Bewegung, geistige Anstrengung, fortwährendes Kämpfen und Ringen, selbstständiges Denken und Forschen; seine Verfechter sind nicht auf Rosen gebettet. Die Wahl fiel unseren Seminarien und ihren Jüngern nicht schwer. — Männer wie Zunz, Krochmal. Rapoport. Geiger, zuletzt noch Jellinek und viele andere, zu denen selbst unsere konservativen Rabbiner von heute wie zu Geistesheroen emporschauen, in denen sie die Wiedererwecker der jüdischen Wissenschaft bewundern, sie waren nicht orthodox; sie fühlten zu viel schöpferische Kraft und Kampfesfreude in sich, als daß sie sich auf das bequeme Bett der Orthodoxie hätten hinstrecken mögen. Sie scheuten auf dem Wege zur Erforschung der ewigen, von jeweiligen Zeitströmungen und Zeitkrankheiten unabhängigen religiösen Wahrheiten jedes Kompromiß mit der Orthodoxie, noch mehr aber mit der: 0 p or t un i t ä t s-0 r th od o x ie. wie sie heute in gleicher Weise Rabbinerseminare. Rabbiner und Gemeinde beherrscht und versumpft. Diese Opomuiitäts- Orthodoxie, ein Produkt des Breslaues Seminars, sie ist die Seele der Wiener „israelitisch-theologischen Lehranstalt". (Schluß folat.) |^^^m^^^^p^^^^^^"^^^^^J Ein jüdischer Stanczyk. Aus sehr bescheidenen Verhältnissen hat er sich durch sein finanzielles Genie emporgerungen; das in jungen Jahren erlangte Reichsratsmandat der Krakauer Handelskammer brachte ihm Titel, Ansehen und ein Millionenvermögen. Allein die Länderbank, Goldminen und galizischen Kohlenbergwerke nahmen ihn vollends in Anspruch : er hatte keine Zeit für seine Glaubensgenossen. Alljährlich spendete er für die Krakauer Armen etliche hundert Zentner Kohle — das war so ziemlich alles, was der Millionär für die galizischen Juden übrig hatte. Im Parlamente sprach er äußerst selten; im Polenklub berührte er ausschließlich wirtschaftliche Fragen. Ein Assimilant aus Leberzeugung, unterließ er es dennoch, sein Polentum ostentativ zu Markte zu tragen. Da andere für politische Maklerdienste Lohn beanspruchten, so mußte er zusehen, daß ihn der Polenklub während seiner 27jährigen parlamentarischen Tätigkeit nie in die Delegationen oder in den Budgetansschuß gewählt hat. Er bemühte sich zwar ins Herrenhaus zu gelangen, doch stand ihm Statthalter Pininski im Wege. Mit Dr. von Rappoport verschwändet aus dem öffentlichen Leben der einzige jüdische Abgeordnete, der sich konservativ nannte und der zur Stanczykenpartei gehörte.

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