Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 12 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4- »Neue National-Zeitung« Nr. 12 nicht an diese Schöpfung! Nicht etwa, daß wir uns nach einer neuen Rabbiner-Bildungsanstalt sonderlich sehnten; für eine solche war keinerlei Bedürfnis vorhanden. Denn die beiden Seminare in Berlin, jene von Breslau und Budapest entwickelten bereits eine Ueberproduktivität an Rabbinern. Was uns zunächst not tat, das war: die Schaffung einer allgemeinen, allen Wißbegierigen ausnahmslos zugänglichen Lehrstätte für die Geschichte und Religionswissenschaft des Judentums, eines Zentrums für die intensive Pflege und Fortentwicklung des jüdischen Schrifttums, von dem aus erleuchtende und erwärmende Strahlen in die weitesten Schichten der durch äußere Bedrängnis für religiöse Belehrung und Aufklärung empfänglich gemachten jüdischen Bevölkerung der österreichischen Monarchie dringen würde. Die Zeit war einem solchen Beginnen ungemein förderlich: sie schrie förmlich nach Schaffung solcher Bildungsstätten. Die ungestüm hereingebrochene Reaktion hatte auch die österreichischen Juden aus ihrer stumpfen Lethargie und hohlen, entnervenden Freigeisterei, in die die „liberale Aera" - eine Aera, die alles war nur nicht liberal — sie versumpft hatte, gewaltsam aufgerüttelt; sie verlangten nach Belehrung, nach Aufschluß über das Wesen des so sehr angefeindeten Judentums, über den Gehalt seines Glaubens und über seine Hoffnungen betreffs der Zukunft; und sie drängten sich zu Vorträgen, die ihnen die gewünschte Aufklärung zu geben versprachen. Wir erwarteten nun, daß die „israelitisch-theologische Lehranstalt", die aus der Not der Zeit hervorgewachsen, ihre Bedürfnisse nach Kräften zu befriedigen bemüht sein werde, daß sie das Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern es weithin leuchten lassen werde, um in die dunkelsten Winkel hineindringen zu können; daß sie ihre Hallen weithin öffnen werde, damit jeder, der Beleuchtung wünsche, sie hier empfange, daß die Wissenschaft frei und ungetrennt von den Fesseln der Zunft oder des dem gemeinen Judentum fremden Dogmas sich hier entfalten, daß jede von tiefer Sittlichkeit und reinem wissenschaftlichen Streben getragene religiöse Anschauung hier zu Worte kommen und aus dem Widerstreit der Meinungen Wahrheit und Klarheit sich hervorringen werden. Wir erwarteten, daß ein solch heiliger Wetteifer unter den Vertretern der verschiedenen Geistesrichtungen das bislang aus Mangel an Belehrung verkümmerte religiöse Gemüt der Massen mächtig aufrütteln, das Interesse für das jüdische Schrifttum urkräftig erwecken, das Feuer der Begeisterung für das Judentum anfachen und dessen Regenerierung anbahnen werde. Wir erwarteten, daß die zur Leitung der „israelitischtheologischen Lehranstalt" berufenen Lehrer, selbst wenn sie als ihre oberste Aufgabe: Rabbiner zu produzieren, betrachten sollten, die eigentliche Pflicht, die ihr heiliger Lehrberuf ihnen auferlegt: „Thora in Israel zu verbreiten", getreulich erfüllen und überall dort an der Spitze anzutreffen sein werden, wo man sich abmüht, die in allen Schichten der Judenschaft in religiösen Dingen herrschende krasse Unwissenheit durch Belehrung zu bekämpfen; daß sie in ihrer eigenen Anstalt und außerhalb derselben Volkskurse für religiöse Belehrung organisieren; daß sie endlich in Wort und Schrift für die Verbreitung religions wissenschaftlicher Kenntnisse unermüdlich tätig sein werden: dem Beispiel der hervorragendsten modernen protestantischen Theologen folgend, die (wie Harnack, Pfleiderer u. v. a.) neben ihrem eigentlichen Lehrberuf an der Universität zu den breiten Volksschichten niedersteigen, um sie in Wort und Schrift über ihre Religion zu belehren. Und eine andere, nicht minder bedeutsame Erwartung, die wir an die Gründung der „israelitischtheologischen Lehranstalt" knüpften, war die. daß sie der Misere des Religionsunterrichtes an den Volks- und Mittelschulen durch Heranbildung geeigneter, mit gründlichem Wissen ausgerüsteter und von Liebe für ihren Beruf erfüllter Religionslehrer ein Ende bereiten werde. Denn daß wir ihrer weit dringender bedürfen, als der im Ueberfluß vorhandenen Rabbiner, zumal des Rabbiners in der großen Stadt, der im Grunde doch nur ein mehr oder minder stimmbegabtes Schaustück oder lediglich — wie ihn der ehrwürdige Oberrabbiner von Wien einstens, da er noch nicht hoch über, sondern tief unter seinem Kultusrate stand, verärgert bezeichnete — ein Gemeindete ampt er" ist, wird mir jeder jüdische Familienvater gern einräumen. Hier nun sollte das Seminar — und das hatten die ersten Anreger dieser Schöpfung zunächst im Auge — alle seine Hebel ansetzen. Es sollte von unten hinauf, nicht aber von oben herab gebaut; erst Religionslehrer und dann, aus einer Auslese derselben, Rabbiner gebildet werden! Man weiß ja, wie wüst seit jeher das Feld des Religionsunterrichtes liegt, man kennt die ewigen Klagen, die darüber geführt werden, und erst jüngst entrang sich den Herzen einer ganzen Gruppe jüdischer Familienväter ein Schmerzensschrei über die ganz verkehrte und verderbliche Art der „religiösen" Schulerziehung, der im Wege der Presse in die Oeffentlichkeit drang, aber wie eine Stimme in der Wüste spurlos verhallte: da es sich ja nur um die innerste und oberste Angelegenheit des Judentums und nicht etwa um Wahlen in den Kultusvorstand, um eine Schächter-,Koscherfleisch- oder Mikwah- Angelegenheit handelte. Der Gedanke nun, daß das Seminar vor allem hier bessern Wandel schaffen werde, war für alle, denen die Zukunft des Judentums am Herzen liegt, ein wahrhaft erlösender. Wir erwarteten, daß es Religionslehrer heranbilden werde, die aus dem Vollen schöpfen und nicht bloß um eine Lektion ihren Schülern voraus sind; die diesen nicht durch Katalog und strenge Zensur, sondern durch die Fülle ihres Wissens durch hohe allgemeine Bildung imponieren; die nicht Sklaven des von tötlicher Langweile gähnenden Lehrbuches sind, sondern den religiösen Stoff souverän beherrschten, ihn zeitgemäß auszugestalten und. mit der Wärme ihres Herzens zu beleben verstehen, so daß sie auch die Jugend für die angestammte, aber im Lichte unserer Zeit geschaute Religion zu interessieren und zu erwärmen vermögen; Religionslehrer, die die Einsicht besitzen, zu erkennen, daß nur sie selbst, nicht aber die Schüler die Schuld trifft, wenn die letzteren dem Religionsunterricht wenig Interesse und wenig Nutzen abgewinnen. Kurz, wir versprachen uns einen lebensvollen und lebenswarmen Religionsunterricht, der in gleicher Weise zum Kopfe wie zum Herzen spricht, die jugendlichen Hörer , fesselt und begeistert. Welche dieser Erwartungen nun hat die „israelitischtheologische Lehranstalt" — so fragen wir heute bei ihrer Bar-Mizwah — in Wahrheit erfüllt? Die Antwort lautet trostlos genug: keine einzige! Nur eine, freilich ganz überflüssige Mission hat sie von Anbeginn mit einer einer nützlicheren Sache würdigen Unentwegtheit verfolgt: sie setzt beharrlich immer neue Rabbiner in die Welt, läßt die Armen schuldig werden und überläßt sie dann ihrer Pein, sie schafft ein Rabbinerproletariat, das sich in erschreckender Weise anhäuft. Wird heutzutage ein Rabbinerposten, und sei es auch der allerwinzigste, vakant, die Bewerber um denselben sind Legion. Und die Konkurrenz hier ist keineswegs eine noble, wie das ideale Amt der „Seelsorger" es erheischen würde, sie gleicht vielmehr auf ein Haar derjenigen auf materiellen Gebieten, wo man weit eher durch Türeinrennen als durch ehrliches Streben, weit rascher durch Fußals durch Kopfarbeit ans Ziel gelangt. Daß bei einer solch' unheiligen Konkurrenz die