Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 12 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 »Neue?National-Zeitung« Seiten bahn zu. Im Jahre 1857 legte er die Lehramtsprüfung für Volksschulen ab, und es ist für den damaligen Zeitgeist bezeichnend, daß ihm der Befähigungsnachweis für das Lehramt vom katholischen Lehrerseminar in Breßlau erteilt wurde. Der früh erwachte Wissensdrang brachte Samuel Mühsam nach dreijähriger Lehrtätigkeit auf die philosophische Laufbahn. Wir sehen ihn im Jahre 1862 in Wien, wo er im Ottakringer Tempel als Prediger auftritt. Drei Jahre später kam Dr. Mühsam als Rabbiner nach Postelberg und von dort im Jahre 1870 nach Znaim. Als die Grazer' Judengemeinde zum erstenmal daran ging einen Rabbiner zu bestellen, fiel ihre Wahl auf Dr. Mühsam. Seit seiner Bestellung im Jahre 1877 entwickelte der Rabbiner eine eifrige Tätigkeit. Seiner umsichtigen, klugen Leitung verdankt die Grazer jüdische Gemeinde ihr Aufblühen. Der Grazer,Tempel konnte ausschließlich infolgeder eifrigen cr£i Bemühungen des Dahingeschiedenen erbaut werden, der, um die Baukosten aufzubringen, eine Reise durch ganz Europa machte. Auch der Kaiser anerkannte die ersprießliche Wirksamkeit des Verblichenen indem er ihn im Jahre 1883 mit den seither historisch gewordenen Worten ansprach: „Ich bin von der Treue und Loyalität der Israeliten überzeugt, sie können immer auf meinen Schutz rechnen!" — und ihm später das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verlieh. Auch auf literarischem Gebiete war Dr. Mühsam tätig. Von seinen in Druck erschienenen Werken seien hervorgehoben : „Die jüdische Sybilla" „Ueber den Selbstmord", „Das Essen und Trinken der Hebräer", „Die Magie bei den Alten", „Vom Dunkel zum Licht'-, „Hebräische Wörter in der französischen Sprache" und eine Anzahl Werke pädagogischen Inhalts. Dr. Samuel Mühsam war ein durch Herzensgüte ausgezeichneter Seelsorger und Lehrer seiner Gemeinde. Die Deutschtümelei war ihm fremd und die neuen Strömungen im Judentume verfolgte er mit regem Interesse. Unserem Blatte war er ein treuer Anhänger. Ehre seinem Andenken! * Unter außergewöhnlich zahlreicher Beteiligung fand am 24. d. M. nachmittags die Trauerfeier für den Rabbiner Dr. Samuel Mühsam statt. Im Trauergeraache, wo Rabbiner Dr. Grunwald aus Wien am Sarge ein kurzes Gebet verrichtete, hatten sich eingefunden: Statthalter Graf Clary und Aldringen, Landeshauptmann Graf Attems, Herrenhausmitglied Dr. Ignaz Graf Attems, die Hofräte Dr. König und Pokorny, Bürgermeister Dr. Graf als Obmann des Stadtschulrates mit Stadtrat Linner und mehreren Beamten des Stadtschulrates, Oberstaatsanwalt Amschl, Polizeidirektor Regierungsrat Ritter von Wey da, Polizeirat Papez, die Direktoren der drei Staatsgymnasium Regierungsrat Dr. Steinwenter, Dr. Adamek und Nagler. Ehrendomherr Dr. Stary, Gymnasialpsofessor Günter, Landtagsabgeordneter Bürgermeister Daniel von Eggenberg. Oberst i. R. Zupan, die Advokaten Dr. H o 1 z i n g e r und Dr. R. v. Gabriel, Amtsdirektor i. R. Schmelzer, kais. Rat Selbacher, Arzt Troll, der altkatholisclie Pfarrer Ferk, Vertreter des Grazer Bürgerkorps, der Präses der israelitischen Kultusgemeinde Bill er mit sämtlichen Kultusräten, Ausschußmitgliedern und Kuluisbeamten, Vertretungen des Vereines „Chevra Kadischa" des israelitischen Frauenvereines, des Vereines für Armenbeteilung, Abordnungen des Lehrervereines „Milde1" des Lehrer-Privatpensionsinstitutes, des akademischen Vereines „Charitas", des Vereines ,:Zion' und des Turnvereines und noch viele audere Tmuergäste. Den Leichenzug eröffneten die Schuljugend und die Mitglieder des Turnvereines. Neben dem Leichenwagen schritten Mitglieder des akademischen Vereines „Charitas". Im Tempel erwarteten Rabbiner Ehrlich aus Körmend, der aus Baden bei Wien erschienene Vertreter der dortigen Kultusgemeinde, Rosuer, sowie die ans Leoben, Judenburg, Knittelfeld, Klagenfurt, Marburg, Cilli, Radkersburg anwesenden Abordnungen und viele Damen den Leichenzug. Die in dem Tempel angebrachten Gaslaternen waren uniüort und brannten. Nachdem die Sängereinen Trauerpsalm voi getragen hatten, hielt Rabbinen Dr. Grunwald aus Wien eine tiefempfundene Ansprache. In derseben verwies er auf das verdienstvolle 30jährige Wirken des Heimgegangenen und pries dessen Tugenden als Seelenhirt seiner nun verwaisten Gemeinde. Dann trat Rabbiner Dr. Brettholz aus Triest an die Bahre und widmete dem Verstorbenen in seinem und im Namen seiner Gemeinde einen ehrenden Nachruf. Mit Trauergesängen wurde die Feierlichkeit im Tempel beschlossen und nun wurde die Leiche zur Beisetzung nach dem israelitischen Friedhofe überführt. — Am selben Tage vormittags fand im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde eine Trauerkundgebung statt, bei welcher der Präses Herr Bill er eine Gedenkrede auf Dr. Mühsam hielt. — Der trauernden Familie übermittelten ihr Beileid: Oberlandesgerichtspräsident Dr. R. v. Pitreich, das Korpskommando, Bürgermeister Dr. Graf, Dr. R. v. Carneri, Dr. Peter Rosegger, Dr. S. R. Landau, das Bürgermeisteramt Klagenfurt, die Direktion der Handelsakademie, die Rabbiner Dr. Ungar in Iglau. Dr. Bernstein in Steinamanger Dr. Hoff in Bisenz, Dr. Ernst in Csakaturn und die Kulursvorstände in Wien, Krems, Csakathurn, Postelberg, Baden, Steinamanger. Esseg. Warasdin, Bisenz, Znaim, Triest, etc. M. FRIEDLÄNDER*) Die „israelitisch-theologische Lehranstalt"* (Zu ihrer Bar-Mixwa h.) Als diese Anstalt vor rund dreizehn Jahren ins Leben gerufen wurde, welche Erwartungen knüpften wir *) Der durch seine hervorragende wissenschaftliche Tätigkeit bekannte langjährige Sekretär der Baron Hirsch'schen Schulstittun£, Herr Dr Moria Friedländer, hatte die Freundlichkeit, über unsere Einladung obiges Thema zu behandeln. Die Tendenz unserer Zeitschrift Vertreter aller Richtungen, zn Worte kommen zu lassen, gebot uns. seine Ausführungen vollinhaltlich zu veröffentlichen. Die Re<laktion.