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Neue Nationalzeitung · 1907-03-01 · Heft 12 (1.3.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 12 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 12 Die „Gleichberechtigung" *) Weiir das Parlament seiner historischen Genesis nach hauptsächlich dazu bestimmt ist, die Exekutive zu überwachen und die Staatsverwaltung zu kontrollieren, so haben die jüdischen Mitglieder des Parlamentes mit Argusaugen darüber zu wachen, daß durch die Praktiken und Kniffe der obersten Verwaltungsbehörden die Juden nicht um ihre Staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte geprellt werden, daß die mühsam errungene Gleichberechtigung nicht blos ein papierener Wisch bleibe. Dazu haben die jüdischen Majoritäten Juden ins Parlament gewählt, nicht aber, damit sie in Wien Börsegeschäfte machen, Aktiengesellschaften gründen, Staatsaufträge für ihre Fabriken anstreben, oder für ihre Pensionistenjahre einen angenehmen Zeitvertreib erhalten. Dabei ist der Rahmen, innerhalb dessen die jüdischen Abgeordneten die Staatsgrundgesetze zu verteidigen haben, gar nicht groß. Denn ihre Aufgabe ist es ja nicht, wie die der Abgeordneten anderer Nationalitäten, eine Regelung der Sprachenfrage durchzusetzen, neue Universitäten oder Gymnasien für ihre Konnatioiialen anzustreben — die jüdischen Abgeordneten haben vorzugsweise ihre ganze Persönlichkeit dafür einzusetzen, daß die politischen Rechte der jüdischen Staatsbürger nicht angetastet werden und daß insbesondere im Sinne der Verfassung sämtliche Staatsämter nicht blos theoretisch, sondern auch praktisch, das heißt nicht blos auf dem Papier, sondern auch in Wirklichkeit, den Juden in gleicher Weise, wie den Nichtjuden, zugänglich seien. Und das ist in Oesterreich heute gerade noch so notwendig, wir vor 40 Jahren, als die Staatsgrundgesetzte erst erlassen worden sind. . . . Keine österreichische Provinz ist aber an der Erfüllung dieses Postulates so sehr interessiert wie G a 1 i z i e n. Dort wohnen die meisten Juden, dort ist das größte jüdische Proletariat, von dort rekrutieren sich die meisten jüdisehenSoldaten. Was soll die zahlreiche akademische Jugend, die das emporstrebende jüdische Proletariat aus seiner Mitte hervorbringt, beginnen, wenn ihr die meisten Staatsämter, das Auditoriat und seit jüngster Zeit die militärärztliche Karriere verschlossen bleiben? Der jüdische Offizier und Soldat sollen jeden Augenblick bereit sein, ihr Blut für das Vaterland zu vergießen, aber dieses Vaterland erlaubt nicht, daß ein jüdischer Offizier in den Generalstab oder in die Intendanz aufgenommen wird, wenn er nicht den Glauben seiner Väter verleugnet. Befähigung, Fleiß, Tapferkeit helfen dem jüdischen Offizier nicht; er muß jedes Band zwischen sieb und seiner Familie zerschneiden, er muß sich taufen lassen. In Italien konnte es ein Jude zum Kriegsminister bringen, in Oesterreich wird er nicht .einmal Brigade-Adjutant.... Der jüdische Unteroffizier, der 12 Jahre tadellos vor der Front oder in der Kanzlei gedient hat, kann trotz seines Zertifikates nur sehr schwer eine Beamten¬ oder Dienerstelie erhalten, weil die meisten Beamten- und Dienerstellen jüdischen Zertifikatisten unzugänglich sind. Hat man schon je einen jüdischen Zollamtsassistenten oder Bezirkssekretär gesehen? Ein jüdischer Amtsdiener ist nur bei den Postämtern zu finden, nicht aber bei den Gerichts-, Zoll-, Steuer- oder politischen Aemtern. *) Anläßlich der Aflaire Minister Polonyi—Baronin Schönberger hat das „Deutsche Volksblatt" aus der Broschüre unseres Herausgebers ,D er Polenklub und seine Hausjude nB einige Sätze entnommen und in einem Leitartikel ganz entstellt reproduziert. Wiewohl bereits die „Sonn- und Montagszeitung" vom 28. Jänner d. J. diese Fälschung festgenagelt hat, wollen wir über vielseitig geäußerten Wunsch das betreffende Kapitel ans der erwähnten Broschüre hier abdrucken. Der galizische „Vizekönig" in Lemberg schließt für den Bereich seines Landes im Gegensatze zu anderen gewöhnlichen Stutthaltern Juden sogar vom maniputativen Administrationsdienst aus. Daß der jüdische Unteroffizier klug und fleißig ist, daß er im öffentlichen Dienste vor keiner Gefahr zurückschrickt und jedes Vertrauen in hohem Maße rechtfertigt, das wissen die galizischen Statthalter ganz genau. Denn sie ernennen jüdische Unteroffiziere mit besonderer Vorliebe zu — Detektives und verwenden sie vorzüglich zur — Staatspolizei. Aber einen jüdischen Feldwebel nach zwölfjähriger tadelloser Dienstzeit bei einer galizischen Bezirkshauptmannschaft oder Polizeidirektion zum Kanzlisten ernennen, das geht nicht. Sonst wäre die öffentliche Autorität geschändet und der österreichische Doppeladler müßte Asche auf sein Haupt streuen!... . Diese Zustände sind für ein Staatswesen, das sich modern nennt, beschämend, für den Juden, der sich ein vollwertiger Staatsbürger wähnt, demütigend. Sie werden zwar die bekannte dynastische Treue der Juden nicht erschüttern, aber sie schaffen Unzufriedene in allen Ständen und Schichten der sonst loyalen jüdischen Bevölkerung. Der loyalste jüdische Staatsbürger, ob Rentier, Kaufmann oder Fabrikant wird sich verbittert gegen die Fundamente eines Staates wenden, in dem der Sohn seines christlichen Hausmeisters zwar Minister, aber sein eigener Sohn nicht einmal Praktikant bei einer administrativen Behörde oder im Auditoriat werden kann, wenn er nicht ein Dokument seiner Charakterschwäche vorlegt. Auch der jüdische Proletarier wird die Blutsteuer nur mit Widerstreben leisten, wenn in einer Zeit, da die Kriegsverwaltung alles daran setzt, die Unteroffiziersfrage durch weitgehendste Benefizien zu lösen, tüchtige Unteroffiziere vor den Kopf gestoßen werden, nur weil sie Juden sind. Die Frage der Zugänglichkeit aller Staatsämter interessiert somit alle Stände der Judenschaft, sowohl die ßourgoisie, als auch das Proletariat. Das letztere eigentlich noch mehr. Der jüdische Proletarier in Galizien verblutet sich geradezu, um seinen Sohn studieren lassen zu können. Neun Zehntel der jüdischen Intelligenz Galiziens sind aus den ärmsten Bevölkerungsschichten hervorgegangen. Dieser Sohn muß daher, kaum daß er die Universität absolviert hat, auch schon eine Existenz suchen. Er kann nicht, wie der Sohn reicher Eltern geduldig warten, bis er als Arzt eine Praxis, oder als Jurist nach 7 mageren Jahren der Konzipientur eine Kanzlei erlangt. Aber er muß warten. Die Landes- und Bezirksbehörden boykottieren ihn und an den Pforten der meisten Zivil- und Militärämter grinst ihm der Dante'sche Sprach entgegen: „Lasciate ogni speranza!" So muß er denn als Arzt oder Advokatdie Legionen der Standesgenossen vermehren und deren Standard of life herab drücken; die armen Eltern erleben oft nicht mehr eine ruhige Versorgung, die sie für den Abend ihres Lebens erhofft haben. L. Rabbiner Dr. Samuel Mühsam. Am 20. d. M. starb in Graz der Rabbiner für Steiermark, Kärnten und Krain, Dr. Samuel Mühsam im Alter von 70 Jahren Am 22. Mai 1837 in Landsberg (Preuß.-Schlesien) als Brauerssohn geboren, absolvierte der Verblichene in Oppeln seine Gymnasialstudien. Dem in jener Aufklärungszeit herrschenden Geiste folgend, wendete sich Mühsam zunächst der pädagogischen Lauf-

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