Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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recht wird, daß es ihm eine Lust ist, diese ursprünglichen, kraftvollen Menschen zu schildern und sich in ihren starken Gottesglauben zu versenken. Je mehr aber die Entwicklung ihre Richtung zum pharisäischen Judentum nimmt, desto klarer zeigt es sich, daß Wellhausen diesen Erscheinungen gegenüber befangen und mit geringerem Verständnis gegenübersteht und daß hier seine Darstellung an Ursprünglichkeit wie an Wahrheit verliert. Das können wir wohl bedauern, aber es kann uns die Freude am Ganzen nicht verleiden. Denn das muß ausgesprochen werden: Wellhausens Buch ist nicht nur eine wissenschaftliche Leistung, sondern auch — und dies ist zu betonen — eine künstlerische Tat. Seine in sich geschlossene Gesamtanschauung hat in diesem Werke ihre entsprechende Formung erhalten. Es ist von einer unbeschreiblichen Einheit; es ist scharf gegliedert und streng aufgebaut. Dazu ist Wellhausens Sprache klar und von ausdrucksvoller Kürze. Er ist ein Meister der Charakteristik, der seine Helden mit dichterischer Intuition beinahe aus dem Nichts hervorzaubert. II. Noch auf Folgendes sei hier hingewiesen : Durch Wellhausen ist Israel klassisch geworden; klassisch nicht in dem Sinne, daß Israels Geistesschatze einen wesentlichen Bestandteil unserer europäischen Bildung darstellen, sondern, daß es an Monumentalität seines geschichtlichen Lebens mit Rom und Hellas auf einer Stufe steht. Seine Geschichte besitzt daher Interesse an sich. Wir beschäftigen uns mit ihr nicht, um so neue Schlaglichter für die damalige Welt zu gewinnen, sondern weil wir in Israel ein Volk sehen das eine im Altertum einzigartige Geschichte gelebt und ein Volksbewußtsein offenbart hat, wie wir es in dieser Intensität und Stärke kaunr irgendwo antreffen werden. Denn dessen müssen wir uns einmal bewußt werden: Es liegt ein beispielloses Nationalbewußtsein darin, daß das ganze Volk sich unablässig mit seiner Vergangenheit beschäftigt und auseinandersetzt und in seiner Gesamtheit Tagebuch führt über sein Erleben. Israel kannte keine Historiker wie Hellas, denn es war als Ganzes Träger der Erinnerung. Darin bekundet es sich, daß wir hier eine Volksgeschichte im eigensten Sinne vor uns haben; eine Geschichte, wo ein selbstbewußtes, stolzes Volk beständig Energien und Impulse aus sich heraus gebiert, wo es möglich ist, daß ein Schafshirt aus einem kleinen judäischen Flecken seine Herde plötzlich verläßt und ins Nachbarreich Israel eilt, um dort von drohender Gefahr zu melden, und sich dessen vermißt, der Gesamtheit die Kur vorzuschreiben: „Bessert euch!" Dieses Beispiel verrät uns am klarsten, wie bewußt jenes Volk sich seiner war, wie brennend die Geschicke des Ganzen als die eigenen empfunden wurden Daher wage ich wohl nicht mit Unrecht die Behauptung, daß Israel-Juda die einzige Nation des Altertums war. Wellhausen aber hat uns die Klassizität und Monumentalität Israels offenbart. Sein Buch ist uns ein Buch der Belehrung und Belebung. „Wodurch nützt dem Gegenwärtigen die monuinentalische Betrachtung der Vergangenheit, die Beschäftigung mit dem Klassischen und Seltnen früherer Zeiten? Er entnimmt daraus, daß 125