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Blau-Weiss-Blätter · 1924-04-01 · 8 (4.1924) · page 40

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
1 (1923-1924) Neue Folge
Issue
8 (4.1924)
Date
1924-04-01
Page
– (sequence 40)
Language
German
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Studien sich lange vergebens um ein Verständnis der Bibel bemüht hat und erst nach einer gründlichen, textkritischen Bearbeitung der biblischen Schriften zu einem Gesamtbilde der israelitisch-jüdischen Geschichte gelangt ist. Auf seine Methoden und Ergebnisse einzugehen, ist hier nicht der Ort. Uns beschäftigt augenblicklich nur die Gesamtanschauung, die er auf Grund dieser Untersuchungen gewonnen und die in seinem Buche „Israelitische und jüdische Geschichte" ihren Niederschlag gefunden hat. Wellhausen trittt an Israel als Historiker, d. h. unvoreingenommen heran. Er sucht es aus den Gegebenheiten, in denen es lebte, zu verstehen. Er sieht es in all den Bedingtheiten und Zufälligkeiten des geschichtlichen Werdens und weiß es, daß Gott nicht die Geschichte, sondern die Geschichte Gott macht. Israel wird ihm erst zum besonderen „auserwählten" Volke, als sich in ihm schöpferische Kräfte offenbaren, die es weit über seine Bruder- und 'Nachbarvölker heraus — und zu ungeahnter Wirksamkeit emporheben. Eine solche Betrachtungsweise gibt uns das, was der Religionsunterricht uns zu geben nie vermag: Erkenntnis und liebevolle Teilnahme. Für uns hat die Bibel neuen Sinn bekommen, seitdem wir in der Geschichte von Israel-Juda den natürlichen Verlauf einer Entwicklung erblicken, seitdem wir wissen, daß auch dieses Volk, festverwurzelt mit seinem Lande, seine Stelle im damaligen Völkerleben eingenommen und nach dem ehernen Zwange der Geschichte sein Schicksal empfangen hat. Ja wir glauben, daß durch eine solche Betrachtungs-, weise die eigentliche Größe und Leistung Israels erst recht gewürdigt wird. Indem nämlich die Geschichte Israels aus der Sphäre des Obernatürlichen in die reale Welt versetzt wird, erkennen wir zum ersten Male die Einzigartigkeit eines Geschichtsverlaufes, in dem ein Volk, das ursprünglich auf einer Stufe stand mit Edam, Moab und Ammon, schließlich zu einer Weltmacht wurde, mit der Alexander und Cäsar zu rechnen hatte.*) Während man daher von jüdischer Seite in Wellhausens Betrachtungsweise eine Profanierung und Verfälschung der Bibel erblickt und für das Prestige Israels in Ängste gerät, empfinden wir gerade das Gegenteil. Für uns ist Wellhausen nicht der Verdreher und Verfälscher der israelitisch-jüdischen Geschichte, sondern ihr eigentlicher Entdecker. Wie die Nomadenstämme zum Volke wurden, wie die Keime zu einer höheren Gottesanschauung gelegt wurden und weitergediehen, wie dann das Volk seine Krisen und Wandlungen durchmachte, die durch die Gemeindestiftung Esras ihren Abschluß fanden, diese erstaunliche Entwicklung führt Wellhausen mit dramatischer Eindringlichkeit an uns vorüber. Doch vor allem wird die Volkswerdung unser Interesse gefangen nehmen und jene rasch pulsierende Zeit, als Israel vom Schauplatz abtrat und Juda seine Rolle übernahm (Amos-Jesaia). Wir haben hierbei das Empfinden, daß Wellhausen diesen Perioden ganz besonders ge- *) Mommssn, RÖm. Gesch., IIL Bd, Seite 549: „In gewissem Sinne könnte man allerdings neben Römern und Griechen noch eine dritte Nationalität nennen; die mit denselben an UbiquiÜU wetteiferte und euch in dem neuen Staate Casars eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen bestimmt war. Es sind dies die Juden." 124

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