Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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untergegangen, und wir singen noch einige Lieder, in denen die Stimmung des Augenblicks nachhallt. Dann erhebt sich alles zum gemeinsamen Rückmarsch. Große Kolonnen rücken auf der Landstraße vor. — Dies war unsere Purimfahrt, ein schönes Fest voller Leben und Heiterkeit. Vielleicht fehlte ihr noch jene letzte Schönheit und Geschlossenheit der Form, die nur ein ganz lebendiges, einheitliches und ausgereiftes Bundesbewußtsein hervorbringen kann. Hier mag der Sommer, an dessen Eingang sie stand, das Letzte leisten. L. P. Wellhausen, Israelitische und jüdische Geschichte. (Berlin und Leipzig, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter & Co. Achte Ausgabe, 1921.) I. Die Beschäftigung mit israelitischjüdischer Geschichte hört für uns auf, eine bloße Pflicht zu sein, sie wird höchster Genuß und zugleich Belebung unserer zionistischen Impulse, wenn Wellhausens „Israelitische und jüdische Geschichte" unser Führer durch jene Zeiten ist, von denen uns ein Abgrund zu trennen scheint. Dieses Gefühl der Fremdheit und Gleichgiltigkeit gegen die alte Geschichte unseres Volkes rührt nicht daher, daß jene Menschen Orientalen sind und in einer andersartigen Welt lebten, sondern daher, daß uns einst auf der Schule „biblische ■Geschichte" erzählt wurde. Biblische Geschichte ist eine contradictio in adjecto; denn Bibel will geglaubt sein, in ihr ist Gott der Träger der Handlung, Geschichte dagegen will gewußt sein, und der Mensch ist in ihr der Handelnde. Doch wozu dieses wunderliche Gebilde? Es versucht uns die Bibel und den Glauben an sie zu retten, und zwar dadurch, daß es mit der Wissenschaft eine Ehe eingegangen ist, die von Anbeginn unter dem Zeichen der Unfruchtbarkeit steht. Indem man also dem historischen Zeitgeiste notgedrungen Rechnung tragen muß, entsteht ein Zwitterding unseligster Art: eine „Historie", die mehr im Himmel als auf Erden ihren Schauplatz hat. Dadurch bewirkt man, was man verhüten will: Die Bibel und das jüdische Altertum werden uns verleidet und gleichgültig; denn wir können nicht glauben, wo wir zu wissen, zu erkennen begehren. Erst der Pfprrerssohn aus Hameln mußte kommen, um unsere Aufmerksamkeit wieder gefangen zu nehmen, die im Grunde doch schmerzlich vermißte Erkenntnis von dem, wie „es eigentlich gewesen ist", uns zu geben und uns als Zionisten aufs tiefste zu packen und mit Mut und Zuversicht zu erfüllen. Es ist kein Zufall, daß Wellhausen dazu bestimmt war, der wahre Deuter der Bibel zu werden. Denn ihn fesselte keine Tradition an eine bestimmte Auffassung der heiligen Oberlieferungen, und als einem Manne der Wissenschaft war es ihm innerstes Bedürfnis, an die Bibel die kritische Sonde anzulegen. Man kann es in seinen Prolegomena zur Geschichte Israels nachlesen, wie er im Anfange seiner 123