Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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wöhnten es maßlos. Es wurde stets nach seinen Wünschen gefragt, und selten wurde ihm etwas verweigert. Wurden die Eltern aber der Launenhaftigkeit des Kindes müde, so wurde es unverständig schroff behandelt. Bs war mir wenig vorstellbar, daß aus diesem Jungen einmal ein tüchtiger Bauer werden sollte. Erst einiges von den Formen des Essens. Es gilt beim Bauer als selbstverständlich, daß jeder der bei ihm arbeitet, auch bei ihm ißt und mit ihm an einem Tische sitzt. Jede? Handwerker oder Tagelöhner, der gelegentlich im Hause arbeitet, aß mit uns mit. Alle essen dasselbe. In der Mitte des Tisches steht die Suppenschüssel und man nimmt sich, soviel man essen will Etwas stehen zu lassen, würde natürlich als grober Verstoß gegen die gute Sitte gelten. Fleisch wird stets zweimal herumgereicht. Es ist Sitte, sich das Fleisch erst in kleine Stücke zu zerschneiden und dann das Messer beiseite zu legen. Als unschicklich gilt auch, das Messer beim Essen in der Hand zu behalten. Vom gemeinsamen Teller ißt man Bratkartoffeln, täglich ein- bis zweimal. Nur Brot wird für die im Dienst arbeitenden Leute von der Frau zurechtgemacht, aber nicht schlechter und nicht weniger reichlich, als es sich der Bauer für sich selbst zurechtmacht. Brot wird niemals auf einen Teller gelegt, sondern auf den blanken Tisch. Er hat eine abwaschbare Platte, die nach jeder Mahlzeit sauber gemacht wird. Zu Mittag werden alle Gerichte von einem Teller gegessen. In Holstein wird viel Fleisch gegessen, fast ausschließlich aber Rauchfleisch vom Schwein. Man ißt fast nur das, was auf der Wirtschaft selbst erzeugt wird oder wenigstens aus derselben Gegend stammt. Ausländische Eßwaren, z. B. Reis, die mit Bargeld gekauft werden müssen, gelten als Delikatessen. Etwas stadtischere Formen hatte man, wenn Güste da waren. Besuch wurde gelegentlich am Werktag abend, öfter am Sonntag erwartet. Dann aß der Bauer mit seinen Gästen im Wohnzimmer, kurz „Zimmer" genannt, an einem Tisch, auf dem eine Decke war und auf dem gleichmäßiges Geschirr stand — im Gegensatz zu dem alltags gebrauchten recht zusammengewürfelten, unter dem kaum eine einzige Tasse mit Henkel war. Ich aß mit Magd und Knecht draußen, und wenn es etwa Kuchen gab, wurde uns davon abgeteilt von der Frau etwas herausgebracht. Eine solche Gesellschaft von Bauern saß dann meist bis lange nach Mitternacht, mit Essen, Trinken und Kartenspielen beschäftigt zusammen. Nicht immer lag ein besonderer Anlaß zu solcher Zusammenkunft vor. Jedes freudige oder traurige Ereignis mußte eben als Grund zu einem solchen Beisammensein herhalten. So war ein Geburtstag ein sehr wichtiges Ereignis; ebenso sehr war ein Todesfall Ursache, gut zu essen und zu trinken. Bei meinem Bauer war in der Zeit, wo ich da war, nicht sehr oft Besuch, dagegen „fuhr" er öfter „aus", um weiter abwohnende Verwandte oder Bekannte zu besuchen. Eine solche Ausfahrt wurde sehr umständlich vorbereitet. Während der Bauer und seine Frau sich gründlicher als sonst wuschen, sich die Zähne putzten (was sonst nur selten geschah) und sich umzogen, hatte ich anzuspannen. Ich putzte die Pferde noch einmal, schmierte ihnen die Hufe, dann bekamen sie die guten Geschirre aufgelegt, und ich spannte sie vor den Ausfahrtswagen. Der Bauer 118