Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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der BSuerin ständig als Tagelöhner und hatte hier nur eine sehr armselige Wohnung in einer halb verfallenen Kate inne. Nun mehr vom Bauer selbst, seinem Verhältnis zum Beruf und den Formen seines Alltags und Festtags! Mein Bauer war so innig, als man es sich denken kann, mit seinem Berufe verwachsen. Nicht weil er jedes Tier, das ihm gehörte, liebte und um die Ordnung jedes kleinsten Teiles seines Besitzes in jedem Augenblick besorgt war, sondern weil es keine Arbeit, keine Verrichtung, keinen Handgriff gab, den er nicht selbst tat oder bei letzter oder nächster Gelegenheit ebenso tun konnte, wie ein bei ihm dienender Knecht. Daß eine Arbeit unter seiner Würde als Bauer, als „Meister" stand, war eine ihm fremde Vorstellung. Ob er oder ich das eine oder das andere tat, war im Grunde gleichgültig* Wenn er mich gelegentlich an verantwortungsvolleren Arbeiten — z. B. Maschinenmähen o. ä. — wenig oder garnicht heranlassen wollte, so war der Grund dafür meist eine übertriebene Ängstlichkeit, nicht aber der Gedanke, daß es seiner Würde nicht entsprochen hätte, die bei dieser Gelegenheit weniger verantwortungsvolle, einfachere Arbeit zu. tun. Beweis dafür z. B., daß er mich beim Rübenpflanzen fast das ganze Stück pflügen ließ, während er selbst mit den andern mitpflanzte! Es ist für den Bauer charakteristisch, wie weit er einen mit den Pferden arbeiten läßt, Oft „nimmt" einem der Bauer, der sonst wenig mitarbeitet, die Pferde „weg", wenn es sich um eine „bessere" Arbeit handelt. Mein Bauer aber, der immer wieder bewies, daß er mit sehr sicherer, selbstverständlicher Haltung jede Arbeit tun konnte, ohne sich etwas zu „vergeben", durfte mir gelegentlich doch die Pferde „wegnehmen", ohne daß ich darüber ungehalten sein konnte, Beim Mistfahren z. B. fuhr er die Wagen, die ich lud, auf den Acker hinaus. Der Bauer hing mit großer Liebe an seinen Pferden, sodaß wir um die Pferde einen stillen Eifersuchtskampf führten. Wenn wir zusammen mit den Pferden bei der Arbeit waren, pflückte er stets für sie Gras und fütterte sie damit; auf diese und andere Weise wollte er sie immer wieder daran erinnern, daß er ihr Herr sei. Eben wegen eines solchen Verhältnisses zur Arbeit messe ich auch den Formen des täglichen Lebens meines Bauern eine so große Bedeutung zu. Außerordentlich wichtig für die Gestaltung der ganzen Wirtschaft war die Frau des Bauern. Sie stammte aus einem sehr guten Hause, in dem sie viele Erfahrungen gesammelt hatte. Sie wußte in sehr vielen Dingen besser Rat als ihr Mann, der alle Dinge der Wirtschaft mit ihr besprechen konnte und auch besprach. Hierbei fiel mir oft auf, wie viele Dinge, von denen ich meinte, daß sie jedes Jahr dieselben Fragen veranlaßten und daß es für sie feststehende Lösungen geben müsse, immer wieder neu entdeckt, neu beraten werden, daß die Verhältnisse sicli unaufhörlich zu ändern scheinen. Die Frau war außerordentlich tüchtig und arbeitsam, leistete vielleicht noch mehr als ihr Mann. Bei ihrer Klugheit und Sicherheit hatte sie Schwächen, die garnicht zu ihr paßten. Fuhr sie zu Besuch weg, so kleidete sie sich in einem Aufzug, der in der Stadt längst „unmodern" war und ihr garnicht stand. Schwerste Fehler machte sie in der Erziehung ihres zu meiner Zeit einzigen, damals zweijährigen Jungen. Beide Eltern liebten das Kind ungeheuer und ver- 117