Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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andererseits auch nicht mit aufklärerischer Anmaßung als „Pfaffenschwindel" auffassen dürfen; was habe:! demnach die Namen Jesaia, David, Moses jenen späteren Dichtern bedeutet? Die Entstehung von Sammelbüchern, die mit dem Namen eines großen Mannes die Arbeit vieler Jahrhunderte heiligen, ist keine einzigartig biblische Erscheinung. Die heilige Schrift der Araber, Inder, Perser soll ähnlich entstanden sein. Das ist aber nicht sehr beruhigend; die Sache wird nicht klarer dadurch, daß man sie mehrmals antrifft. Mehr als der Koran und die Veden trägt zum Verständnis der Bibel als literarischer Erscheinung ein Blick auf das nachbiblische, rabbinische Judentum bei, dessen Geisteslage wir ja schon etwas näher sind. Im Midrasch werden Moses und allen biblischen Personen, ja Gott selbst die wunderlichsten Reden und Taten zugeschrieben in einem Ton, der zwischen Wahrheit und Märchen seltsam schillert. Auch an jene zu Anfang erzählte Anekdote muß hier wieder erinnert werden, von dem Rebben, der meint, Moses habe jiddisch gesprochen. Die Geschichtsauffassung des naiv thoratreuen Juden weicht von der unseren weit ab; vielleicht steht sie der spätbiblischen nahe, die das Jesaiabuch entstehen ließ. Vielleicht war die Gestalt Mosen', Dawids, Jesaias* schon den Zeitgenossen Esras in dieselbe Ubergeschichtliche Sphäre gerückt, in der sie heute den gläubigen Juden erscheint. Beim „vielleicht" aber muß es fürs erste bleiben; es gibt zwischen der biblischen und der rabbintschen Zeit sehr tiefe Unterschiede, die es nicht gestatten, ohne weiteres von der einen Zeit auf die andere zu schließen. Ich habe den größten Widerwillen und den größten Verdacht gegen jeden Versuch eines heutigen Westjuden, den Geheimnissen der biblischen Welt den Mantel der „jüdischen Seele" umzuhängen. Der Mantel ist aus demselben Stoff gewebt, wie des Kaisers neue Kleider in Andersens Märchen; alles ist gerührt und verwundert, blos sehen tut niemand etwas. \ VI. Wo im Kreise des Blau-Weiß die Bibel eine Bedeutung gewinnt, da muß es eine ganz entgegengesetzte sein, als die gewöhnlich dem Buch zukommt, das man auf Heimabenden liest. Wir sind die Heimabende gewohnt, wo in dem Gelesenen eine Gesinnung, eine Frage aufklingt, die in der Luft liegt, und nur darauf wartet, Wort zu werden; indem sie Wort wird, ordnet und formt sich das Unklare, um dessen Dranges willen das Buch gewählt war. v Wenn wir aber genieinsam die Bibel lesen, so geschieht nichts dergleichen, soll nichts dergleichen geschehen; die jüdische Seele, die Urtiefen unserer Eigenart aus dem Bibelwort aufsteigen zu sehen, das sind Halluzinationen. Soweit halten wir nicht. Was da aufsteigt, ist eine Welt, die so lebendig als rätselhaft auf uns eindringt I Jeder Satz der Bibel, den wir aus dem toten Text zur lebendigen Rede erwecken, führt uns ins Unbekannte und fordert 101