Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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und Verwirrung setzt. Wenn man die Newiim als Wunderwesen, Werkzeuge Gottes ansieht, dann gibt es keine Präge, dann verzichtet man von vornherein auf historische Einsicht, Wir sehen aber, daß die Newiim nicht minder menschlich gelebt haben wie irgend eine geschichtliche Gestalt. Sie haben in die Geschichte Israels mit Wort und blutiger Tat eingegriffen und zuletzt das jüdische Volk, das Judentum, die Bibel, wie sie heute sind, geschaffen. Das ist die reale, materielle Seite ihres Wirkens. Diese Realität aber wächst auf dem Boden einer so unirdischen. Lebensführung, wie wir sie in Europa nirgends kennen. Man mag an Derwische . und Fakire erinnern. Wer kennt die aber und wer kennt ihre Wirkung in der Geschichte? Sein und Wirkung jener ungeheuren Menschenart der Newiim begegnet uns in der Bibel greifbar nah, doch ganz rätselhaft; je näher, desto rätselhafter. Theokratie ist ein ziemlich gemütliches Wort. Ungemütlich, grauenvoll belebt sich das Wort in der Rede des Buches Jesaia. Hier zugleich das zweite große Rätsel. Was sollen wir von dem Buch Jesaia als Buch, von der Bibel als Buch denken? Wir können und müssen den Text nach den Gesichtspunkten der Quellenscheidung als Resultat eines über viele Jahrhunderte sich ausdehnenden Zusammenwachsens begreifen. Damit aber haben wir das geschichtliche Phänomen dieses Zusammenwachsens selbst noch nicht begriffen. Wie fügte sich die entstehende Bibel in das Leben des alten jüdischen Volkes? Wer las sie? Wie las man sie? Wir als Europäer, die gewohnt sind, jedes Buch in Beziehung zu seinem Verfasser zu setzen, die unbedenklich die erstaunliche Redewendung gebrauchen: „Goethe lesen", wir können die Bibel garnicht verstehen, wenn wir uns nicht vorstellen, mit wie anderer Einstellung als der unserigen die biblischen Schriften im alten Israel müssen gelesen worden sein. Von den meisten Quellen der Bibel wissen wir nicht, ob sie von Mund zu Mund wandernd allmählich die letzte Gestalt annahmen, in der sie dann von irgend einer unbedeutenden Person, oder von mehreren von einander unabhängigen irgendwann einmal aufgeschrieben wurden, oder "•b diese oder jene Quelle das Werk eines bestimmten Dichters ist, der sie künstlerisch formte und schrieb. Auch bei den Quellen, die als ein einmaliges' Dichtwerk eines persönlichen Dichters erkennbar sind, tritt der Dichter hinter seinem Werk in einer Weise zurück, die aus der europäischen modernen Literatur unbekannt, nur in der Antike wiederzufinden ist. Das Buch Jesaia ist ganz gewiß nicht das Werk des einen Jeschajahu Ben Amoz. Zum Teil sind in dieses Buch Schriften ganz anderer anonymer Verfasser aufgenommen worden, die ein späterer Redaktor aus einem archäologischen Irrtum für das Werk Jesäias gehalten haben mag. Es gibt aber im Buch Jesaia und in vielen anderen Büchem des Tenäch Abschnitte, die sich ausdrücklich für „Rede des Jesaia", „Psalm Davids", „Worte Mosis" ausgeben; Abschnitte, die wir ihrer Gesinnung und Sprache nach nicht als echte Überlieferung aus der Zeit ihrer angeblichen Verfasser, 100