Mannheim
Compact Memory

Blau-Weiss-Blätter · 1924-04-01 · 8 (4.1924) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
1 (1923-1924) Neue Folge
Issue
8 (4.1924)
Date
1924-04-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425321-2425322-2425329--1355-2425619
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aber die Dokumente verhalten sich zur Darstellung Duhms nicht anders, wie die spärlichen Knochenreste der Juraformation zu den malerischen Sauriern aus Gips, die in den zoologischen Museen stehen. Die Qipsfiguren machen mehr» Eindruck als die Knochenreste, sie sind gut als populäre Venjnschaulichung einer Möglichkeit, wie das Tier vielleicht ausgesehen hat. Für den Forschenden aber ist der Gips, auch wenn die Rekonstruktion noch so gut ist, nur eine lästige Vermummung dessen, was in Wirklichkeit an natürlichen und echten Zeugnissen vorliegt. Das Modell hat er in den Anfangen des Studiums einmal gesehen und braucht es jetzt nicht mehr. Man muß das Buch von Duhm einmal lesen, sich die Prinzipien seiner Geschichtskonstruktion merken und dann über ihn hinaus zu den Quellen selbst vordringen. Es ist der Hauptvorzug des Duhm'schen Buchs, daß es gerade den Zugang zu den Quellen selbst bahnt, während der Wellhausen diesen Zugang nirgends zeigt. V. Ohne was von Messianismus, Gottesvolk und jüdischer Seele uns schon vorher einreden zu lassen, haben wir die Bibel aufgeschlagen. Wir haben sie nach den textkritischen und ethnographischen Rezepten behandelt, die chinesischen, indischen, babylonischen, ägyptischen oder altdeutschen Geschichtsurkunden nicht besser und nicht schlechter bekommen als dem Buch der Bücher. Wir gingen von der Voraussetzung aus: die Juden sind wie alle Völker. Jetzt sehen wir das Volk und sein Buch ganz ruhig und aus der Ferne. Und dies ist die rechte Zeit, um die Worte Bileams zu sprechen: (Num. 23,9) „Am lewadad jischkon uwaggojim lo jithchaschaw". Jetzt ist es Zeit, aus der ersten Klarheit, die Sprachgefühl und Bibelkritik uns verschafft haben, vorwärts in ein neues Staunen und in eine neue Verwirrung vorzudringen, zu erkennen: Die Juden sind nicht wie alle Völker. Die thoratreuen Juden, die als auserwählte Hüter eines göttlichen Gesetzes ihr Leben führen und glauben, ihre Väter seit dem Auszug aus Ägypten seien schon demselben Gesetz verpflichtet gewesen, kennen dies Staunen nicht. Die neo- und semi-orthodoxen Juden leben von dem Staunen über die jüdische Volksseele; aber bei ihnen pflegt es zu früh und zu leicht sich einzustellen. Das Staunen, das ich meine, ist das ungewollte und elementare Erlebnis des Fremdlings Bileam, der nicht kam, um zu segnen. Die Newiim und jene ihre großen Nachfolger, die in der jüdischen Oberlieferung mit Recht als Newiim ach'ronim fortleben, obgleich manche von ihnen dem Stand der Newiim nicht angehörten und ihn wahrscheinlich verachteten; die Erscheinung dieser Newiim ist es zuerst, die uns in Staunen 99

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.