Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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für bibelkritische Arbeit wird eröffnet durch die Frage nach der Beziehung der Bibel und der alten Juden zu dem Geästesleben insbesondere der Religion und den Sagenkreisen des Orients. Vor allem die „Urzeit" Israels und entsprechend vor allem Bereschith ist durch vergleichende Ethnographie aufzuklaren. Diese interessanten und wissenschaftlich wertvollen Untersuchungen führen aber bisweilen mehr von der Bibel ab als zu'ihr hin. Es kommt darauf an, die Josefsgeschichte richtig zu lesen bzw. zu hören; dazu trägt es wenig bei, ob man weiß oder nicht weiß, daß die Ägypter ein Märchen ähnlichen Inhalts gehabt haben. Urzeit und Nachbarkulte liegen nicht nur SaQerlich an der Peripherie des biblischen Gebiets. Viele heute bekannten Einzelheiten über den Urkult und den Urglauben haben, außer für den Ethnographen, nur den Wert amüsanter Anekdoten. Die ergreifende neue Einsicht und Perspektive, die die Bibelkritik schafft, geht nicht auf die „Sitten und Gebräuche" des alten Israel, sondern auf dessen Geschichte, die zugleich die Geschichte der Bibel ist. Wir haben ein ziemlisch deutliches Bild vom Anfang und vom Ende dieser Geschichte; die Bilder sind ungeheuer verschieden. Zum Schluß, seit der Zeit Esras, das Exulantenvolk der nachmaligen Pharisäer und Sadduzäer, dessen Leben von dem der heutigen Judenheit schon nicht mehr wesentlich verschieden ist. Am Anfang aber, bis in die Zeit Davids, ein eroberndes Hirten- und Bauernvolk von größter Primitivität, primitiv in seiner Lebenshaltung und, nach den sichersten Ergebnissen der Bibelkritik, ebenso primtiv in seinen Kulten und seiner Anschauung von Göttern, Welt und Recht. Die gewsltige Umwälzung, die inzwischen das Leben der. Juden ergriffen haben muß, ist das Problem. Wir fassen es unter dem Namen Prophetismus zusammen. Königtum, Priesterschaft, Newiim, das sind die uns bekannten inneren Triebkräfte der Umwälzung; ob die einzigen, ist zu bezweifeln. Wir wissen, daß es in dem alten jüdischen Reich große soziale Spannungen gab, die sich in die genannten drei Komponenten nicht zerlegen lassen. Der häufige Dynastiewechsel im Nordreich, die hier und da erwähnten rätselhaften Rechabiter und vieles in den erhaltenen Prophetenreden läßt den Schluß zu, daß wir nicht entfernt die Strömungen der innerjüdischen Entwicklung kennen.1) Das uns bekannte aber, die biblische Überlieferung, ist schon für sich betrachtet ebenso problematisch wie ergreifend. Hier muß, außer auf Wellhausens Darstellung, vor allem auf das Buch von B. Duhm: „Israels Propheten" (Tübingen 1916) verwiesen werden. Das Buch ist ausführlicher und moderner als der Wellhausen. Es ist eine Darstellung, die den kritisch gedeuteten Dokumenten entspricht und vielfach die Quellen selbst sprechen läßt. x) Vergleiche zu diesen Fragen: Max Weber, Ges. Aufsätze Uber Kcligionstociologie Bd. III. 98