Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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dokument, einerlei welcher Zeit, welchen Volks, anwendet, das man verstehen und aus dein man historische Schlüsse ziehen will. Diese Methode besteht in der wechselseitigen Befragung bald des Textes über die Geschichte, bald der Geschichte Über Sinn und Entstehung des Textes. Eine Erzählung der Bibel hat daher immer eine doppelte Bedeutung für den Leser, der durch die Bibelkritik historisch geschult ist: die Zeit, von der erzählt wird und zugleich die Zeit, in der die Erzählung entstand, leben auf. An solchen offenbar sagenhafter. Berichten, wie z. B. denen der Thora über die Erzväter ist es sogar viel wertvoller und viel leichter möglich, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie den Verfassern der Sagen die Gestalten Abrahams, Isaaks, Jakobs erschienen sind, als zu untersuchen, wie weit diese Gestalten historisch begründet sind. Diese letzte Frage wäre eine nur historische, jenes erste Gefühl ist zugleich historisch und künstlerisch. Die Arbeit an der Entwirrung des Bibeltextes einerseits und die Erforschung der altjüdischen Geschichte andererseits, die durch die Methode der Bibelkritik in enge Beziehung gesetzt sind, haben dennoch einen verschiedenen Verlauf genommen. Die eigentliche Textkritik ist in beständigem Fluß. Es werden immer neue Vorschläge zum Problem der Quellenscheidung gemacht und immer neue sprachliche Einzelheiten entdeckt. Solange jedoch nicht noch ganz wesentliche auf die Bibel bezügliche Dokumente neu aufgefunden werden, ist eine einigermaßen endgiltige kritische Ausgabe des Bibeltextes nicht zu erwarten; es gibt heute kaum einen größeren Abschnitt des T'nach, der vor zwei verschiedenen Bibelforschern ganz übereinstimmend emendiert wird; die Vermutungen haben zuviel Spielraum. Trotzdem soll jeder, der die Bibel ernstlich aufnehmen will, neben dem hebräischen Text irgend einen der bekannten bibelkritischen Kommentare zur Hand nehmen und seiner Führung sich anvertrauen. Denn es kommt nicht auf diese und jene richtige oder falsche Einzelmeinung dieses oder jenes Kommentators an; die sind Sache der Philologie. Eine wirkliche Bereicherung jedes, der Bibel liest, ist dagegen der historische Blick für das organische Gewordensein der Bibel, der sich durch das Erlernen der bibelkritischen Methode als 'solcher bildet und schärft; diese Methode ist bei allen Kommentatoren dieselbe. Sie erwächst auf dem zweiten. Hauptstamm der Bibelkritik: der Erforschung der biblischen Geschichte. J. Well hausen, der gewaltige Forscher und Geschichtsschreiber, dessen Name leider durch das öffentliche Gerede ähnlich entwertet ist, wie der Einsteins, hat ein Gesamtbild der jüdischen. Geschichte und der Entstehung der Bibel gegeben, an dem noch heute alle Bibelforschung orientiert ist, mögen auch manche Einzelheiten der Form und vor allem der Farbe durch neuere Historiker retouchiert sein. Nach der aufbauenden Tätigkeit Wellhausens beschränkt sich die spätere Bibelkritik im wesentlichen auf das Ausbauen. Ein weites und fruchtbares Feld 97