Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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(Geheimnis) sind die höheren'Auslegungsweisen, die mit dem P'schat zusammen erst, wie ein altes rabbinisches Gleichnis und Wortspiel sagt, den Garten1) der Thora erschließen. Wir europäischen Juden der Gegenwart, die der rabbinischen Tradition völlig entfremdet sind, können ehrlicherweise bei aller kulturellen Pietät nicht mit Midrasch und Kabbala die Bibel erklären. Die europäische Erziehung, das 19. Jahrhundert, haben uns in den Stand gesetzt, historisch zu lesen, d. h. wir sincLgewohnt, daß zugleich mit der Rede des Buchs auch ein Bild des Dichters und seiner Welt vor uns auflebt; nur ausnahmsweise kann das Wort uns so erfüllen, daß wir über ihm Sprecher und Zeit vergessen. Die echten Volkslieder und die größten Dichtungen der Griechen haben diese erfüllende und zeittilgende Kraft. Die Biber aber in ihrem fragmentarischen Vielerlei gemahnt uns, wie eine halbzerschlagene alte Statue, immerwährend an den Prozeß ihres Werdens; nur ist bei der Statue nichts weiter zu sagen, als daß wir die zerstörende Kraft der Jahrhunderte sehen und beklagen; bei der Bibel aber fängt mit dieser negativen Feststellung eine in ihren Methoden und Ergebnissen höchst positive und fruchtbare Betrachtung an. Sie hat die Aufgabe, das Zusammen- und Gegeneinanderwirken der Jahrhunderte am Aufbau der Bibel soweit zu erforschen, daß schließlich das Bibelwort uns nicht mehr taumlos, zeitlos entgegenschallt, sondern daß, der Forderung unserer Zeit gemäß, mit dem Bibelwort zugleich die Welt, in der es, für die es gesprochen wurde, in ihrer ganzen geschichtlichen Fülle auflebt. Die Wissenschaft, die nach diesem Ziel strebt, heißt Bibelkritik. Man muß unter dem Eindruck der öffentlichen Meinung eine an sich selbstverständliche Sache mit Betonung aussprechen: daß die Bibelkritik eine- .Wissenschaft ist und nicht eine Mode oder ein Schlachtruf. Nur der thoratreue Jude darf und muß von seiner metaphysischen Warte aus diese Wissenschaft als maasse j'de adam, als Stückwerk von Menschenhand verachten. Wir anderen haben zur Bibelkritik von vornherein dieselbe Stellung, wie jeder Laie zur Wissenschaft; diese kann irren und sich berichtigen, aber das Besserwissen ist nicht Laiensache. Wenn daher ein Jude, der die Bibel nicht schon überaus gründlich kennt, den christlichen Bibelkritikern das Verständnis für die jüdische Bibel abspricht, so begeht er eine chauvinistische Anmaßung. So ätherisch sind die Fragestellungen der Bibelkritik meistens nicht, und so verwandt sind wir Juden der Gegenwart demalten Israel nicht, daß der heute bestehende Volksunterschied zwischen Juden und Nichtjuden etwas sehr wesentliches für und wider die Eignung zum kritischen Bibelforscher ausmachte. Die Methode der Bibelkritik ist dieselbe, die die Geschichtsforschung seit Jahrzehnten auf jedes nicht ganz verständliche und glaubhafte Geschichts- *) Garten heisst griechisch^arnmäisich Pardes: dieses Wort besteht aus den Anfangskonsonanten der vier Namen P'schat, Remes, D'rasch und Sod. 96