Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die hier genannten dichterischen Beispiele sind aufs geratewohl aus allen Teilen der Bibel zusammengelesen; aber den gleichen Formenschatz birgt das Jesajabuch allein, und wie viele undere Bildungen der Rede dazul Die Erzählungen der Bibel, (ob man sie als Prosa oder metrische Dichtung auffassen soll, ist bei vielen noch ungeklärt) sind stilistisch nicht weniger kunstvoll und nicht weniger neu und fruchtbar für uns europäisch erzogene Leser, als die vorher erwähnten Gedichte. Ein in der biblischen Epik viel reicher als in der abendländischen Literatur ausgebildetes Kunstmittel ist die Dramatisierung. Die Handlungwird auf Gespräche der Handelnden abgebildet, auf Gespräche, die in ihrer Form lebhaft die Situation der Redenden charakterisieren. So wird uns das Unglück, das der Satan über Hiob heraufbeschwürt, nicht direkt erzählt, sondern wir hören zu, wie die Boten es Hiob berichten (c 1, v. 14—19). Man sehe, wie die Erzählung der Verschwörung Jehus sich in dramatische Reden und Rufe auflöst: II Reg. 9 v. 1—3: Elischah an seinen Boten. v. 5—10: Jehu und der Bote (v. 7—10 a vielleicht unecht), v. 11—17: Jehu und die Hauptleute. v. 17—20: Doppelscene: Jehoram und der Turmwächter; Jehu und'die Boten, v. 22—23: Jehoram und Jehu. v. 25—26: Jehu zu seinem Waffenträger, in v. 27: Jehu: „den auch erschlagen!" v. 31—34: Jehu und Isebel. v. 36—37: Epilog Jehus. Entsprechend II. Reg. 10. Das Wort „Dramatisierung" ist wörtlich zu nehmen. Die direkte Rede steht nicht blos, um die indirekte zu ersetzen, für die die Sprache etwa zu primitiv wäre, sondern sie ist durchaus kunstvoll realistisch der darzustellenden Situation angepaßt. Man kann sich fast jede Erzählung der Bibel als Oratorium denken; ein Evangelist, der sehr wenig zu sprechen hat, und eine Reihe eigentlicher dramatischer Personen und Volkschöre. Der Aufbau' dieser erzählten Dramen hat eine Meisterschaft, deren Geheimnisse noch bei weitem nicht enträtselt sind. Einen zweiten Laokoon allein auf der Geschichte von der Himmelfahrt Eliahs (II Reg. c. 2, v. 1—18) aufzubauen, wäre keine unmögliche Aufgabe. Es gehörte dazu ein Lessing; eine Seele, in der Begeisterung und Bewußtsein einander nicht dämpfen, sondern steigern. Empfindlicher lesend finden wir in der Epik ebensolche Mannigfaltigkeit der Stile wie in der Spruchdichtung. Die Jehugesehichte vergleiche man in Bezug auf Ausführlichkeit und Rundling des Ausdrucks mit der Josefsgeschichte: Dort grelle Knappheit eines 94