Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Bibel ist, alles andere als ein rhetorisches Schaustück; aber man kann schwerlich besser als in der Schule der Bibel reden und hören lernen- Solche Studien, wie die schon zitierte von E. Buchholz muß jeder für sich anstellen, der die Bibel liest. Es gehört dazu die Kunst, restlos im Hören aufzugehen; man darf sich weder von dem publizistischen Radau um die Bibel herum noch von seiner eigenen ßegeistertmg betäuben lassen. Darum sage ich, wir sollen die Bibel wie ein unbekanntes Buch; lesen. Die Sprachstile der Bibel in ihrer großen Mannigfaltigkeit ganz treffsicher zu erkennen, erfordert einen besonderen literarischen Takt und ein besonderes literarisches Studium; keiner von uns wird es wahrscheinlich auch nur annähernd so weit bringen, es wäre die Lebensarbeit eines ebenso großen Künstlers wie Gelehrten. Die Bibelforschung selbst steckt hier noch in den Vorarbeiten. Wir wissen sehr wenig über die biblische Metrik oder über die Gesetze der verschiedenen Prosastile; wir wissen erst recht nicht, wie weit eine schtilmäßige rhetorische Ausbildung, ein Literatenstand irn alten Israel bestanden hat, wir wissen nichts halbwegs bestimmtes über die Beeinflussung des biblischen Stils durch babylonische, ägyptische, kanaanäische, phönizische Dichtung; daß es eine althebräische Metrik, Prosastiie, literarische Schulen, ausländische Einflüsse „irgendwie" gegeben hat, drängt sich dabei immerfort auf. Einige Beispiele für verschiedene Stile der hebräischen Poesie: I. Die Klage um den Tod Sauls und seiner Söhne. (II. Sam. C. 1, v. 19—27) Der Parallelismus membrorum ist immer zweigliederig und zeigt sich in verschiedener syntaktischer Form (v. 20.« Satz gegen Satz, v. 22: in einem. Satz verschränkt). Wenn man den Parallelismen gemäß metrisch zu lesen-verbucht, kommt man immerfort ins Stocken. Einfachste Syntax und Wortstellung. Fehlen jedes Chiasmus. Prinzip der Koordination. Die Wortwahl dieses Liedes ist unbeschreiblich. Die Vokabeln liegen meines Wissens fast ganz im alltäglichen Wortschatz, die Sprachbilder gehen kaum über die Wirklichkeit hinaus (v. 22 gehört nicht in die Großstadt als blutrünstige Redensart, sondern in das hartgewöhnte Leben eines Kriegsvolks, wo gibor, chalal Fachnamen und wo das Blut und das Fett der Erschlagenen nicht nur aus der Dichtung bekannt sind). Gerade in der Sphäre der allerkonkretesten Wirklichkeit liegt die Zauberkraft des Liedes. „Zar Ii alecha, acht jehonathan, naatnta Ii meod." Man kann kaum fassen, was diese nackten Worte an dem Ort, wo sie stehen, für Gewalt haben. Vergleiche das Stück mit dem Gedicht Nun» c. 23 v. 7—10, das meiner Ansicht nach ähnlich spricht. 92