Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Hier liegt ein erzieherischer Vorzug des unbekannten Buchs vor dem berühmten; bei diesem ist die erste Bekanntschaft eigentlich gar nichts besonderes mehr; man kennt das Buch schon, ehe man es aufschlägt. Das unbekannte Buch aber, wie einen unbekannten Menschen, lassen wir einfach zu uns sprechen, mit keinem anderen Vorgefühl, als dem der Spannung, aus jedem Wort Aufschluß über den Sprecher zu gewinnen. Ein Buch in einer fremden Sprache zu lesen, die wir noch nicht ihrem Stil nach verstehen und differenzieren können, bleibt darum eine dürftige Sache. Wenn wir aber die fremde Sprache in ihrem feineren Zusammenhang fähig sind zu empfindet!, dann spricht jenes Buch vielleicht noch eindringlicher zu uns, als wenn wir dessen Sprache als Muttersprache sprächen; wir haben für die fremde Sprache eine größere Spannung und Unbefangenheit. Die Sprache der Bibel hat Zauberkraft. Das ist nicht in dem Ton gemeint, wie der Backfisch „bezaubernd!" ruft, sondern im Wortsinn. Wenn im Mittelalter das Hebräische die gewöhnliche Sprache der Zauberformeln war, so mag das seihe besonderen zeitlichen Gründe haben. Aber daß das Judentum selber den Begriff „Laschon Kodesch" geschaffen und mit sehr ernsten, zum Teil die Dämonenwelt aufrufenden Legenden umgeben hat, das ist die Wirkung des Bibelwortes selbst. Die Lutherbibel hat etwas von diesem Zauber in die deutsche Sprachsphäre hinübergetragen; und diese ziemlich wörtliche Übersetzung wird darum mit Recht als eine eigene große Schöpfung angesehen; denn es zeigt sich, daß durch nichts weiter als die treffsichere Übertragung der Sprache ein ganz neues Wesen aus der Bibel wird; so stark ist in der Bibel Sprache und Welt verbunden. Die späteren Versuche einer mehr „jüdischen" oder mehr „orientalischen" Verdeutschung haben nichts gesundes-hervorgebracht. Man kann die jüdische Bibel nur auf hebräisch und nur die deutsche Bibel auf deutsch lesen. — Das Bibelwort soll laut gesprochen, bisweilen verlesen oder gesungen oder dramatisch agiert werden; es gibt nur wenige Teile der Bibel, die man nach moderner Gewohnheit stumm lesen kann. Auch der Sprache dieser .Teile noch merkt man die unmittelbare Herkunft von der lauten Rede an.1) Da? läßt sich durch eine Analyse der Wörter und der Syntax in großem Maßstab beweisen. Hier sei nur an das Wort „hinneh" erinnert, sowie an den häufigen Gebrauch der direkten Reden, selbst zur Darstellung von Gedanken („wajomar beliboh"). Das gesprochene Wort hat eine solche Fülle an Ausdrucksstufen, wie wir es kaum ahnen, die wir weder die Kunst der Rede noch der Erzählung pflegen und zudem die schlechte Sitte des Leise-lesens haben. Die Kunst der Rede ist eine ganz besondere Gattung. L'art pour Part paßt nicht auf sie; „Schön" reden ist das Gegenteil der wahren Redekunst, diese lebt nur für ihr außerkünstlerisches Motiv und ist umso größer, je mehr sie im Dienste des Ausdrucks unspürbar wird. l) Siehe den Aufsatz von E. Buchholz über P». 137 in einem alten Heft der Blau-Weiss-Blätter. 9!