Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Bekenntnis „Thorah missinai" erfordert den ganzen Menschen. Von diesem Bekenntnis muß jeder Bereich des Lebens sein Licht erhaltent Es ist der verderblichste Irrgang des Taktgefühls, wenn man dieses Bekenntnis als aufgeklärter Jude und Studierender des Thenach durch nationalreligiöse Ehrfurchtschauer vor der großen Vergangenheit glaubt ersetzen zu können. Der orthodoxe Jude hat gar keine Ehrfurcht vor der nationalen „großen Vergangenheit", weil eine jüdische Vergangenheit im historischen Sinne für ihn garnicht denkbar ist. — Möschen Rabbenu, Dawid harnelech, Elijahu hanawi erscheinen ihm als seine Zeitgenossen. — Als die Haskalah gegen die Orthodoxie das Recht des Hebräischen als weltlicher Sprache anstelle des Jiddischen verfocht, brachten die Maskilim das Argument: „Moscheh hat doch auch hebräisch und nicht Jargon gesprochen." Darauf antwortete ein Rebbe — nicht etwa, wie wir heute raten würden: „Moses, dieser Heilige, durfte, was wir nicht dürfen", — sondern: „Moscheh Rabbenu hat hebräisch nur am Schabbes gesprochen, am Wochentag jiddisch." Mit dieser Anekdote ist bezeichnet, was der Thenach dem frommen Juden sein kann, und dem Nichtgläubigen nicht ist. Gegenüber der zeitumspannenden Kraft des Bibelwortes im Kreise der noch nicht „aufgeklärten" Judenheit erscheint alle Pietät und Ehrfurcht von' unserer Seite dürftig, lächerlich; mit solchen Gemütsregungen kommt man der Bibel nicht bei; sie sind unerlaubte Anbiederung. Wenn wir im Thenach nicht mehr durch die Überlieferung fest wurzeln, dann haben wir die Pflicht, Distanz zu nehmen. Wir müssen die Bibel mit demselben Ernst zu erforschen streben, wie der gesetzestreue Jude seinen Thenach lernt; wenn auch unter anderen Gesichtspunkten. Jedenfalls: nationale, ethische, kulturelle Schwärmereien und Schlagworte haben auf die Bibel kein Recht; soweit muß die heilige Schrift auch uns heilig sein. An Distanzlosigkeit leidet, wie mir scheint, das meiste, was von Juden seit der Aufklärung über die Bibel gesagt worden ist. Und gerade an dieser Distanzlosigkeit liegt es, daß die Bibel für die jüdische Gegenwart bloß eine wertlose Berühmtheit ist. Es hat für die Bibel noch kein Winckelmann, kein Burkhardt unter uns Juden gelebt; Männer, die aus der Distanz die Antike, die Renaissance zu kulturellen Einheiten, zu klassischen Wesen zusammengedichtet haben. So müssen wir denn, bis dieser Winckelmann erscheint, die Bibel lesen wie ein unbekanntes Buch, einen babylonischen Text; einzig angewiesen auf unser eigenes Verständnis und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Bibelforschung. III. Die Sprache eines Buches ist nicht blos dazu da, Gedanken auszudrücken, sondern sie ist gleichsam ein Wesen für sich. Der Leser, der die erste Bekanntschaft eines Buches macht, wird durch das Wesen der Sprache, die das Buch spricht, zu allererst und viel unmittelbarer zu dem Buch in Beziehung gesetzt als durch den Inhalt des Gelesenen; man kann sagen, daß die erste Bekanntschaft mit jedem Buch eine Einstellung auf dessen Sprache ist. 90