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Blau-Weiss-Blätter · 1924-04-01 · 8 (4.1924) · page 5

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
1 (1923-1924) Neue Folge
Issue
8 (4.1924)
Date
1924-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wenigen aber, die dieses herrliche Drama nach Jahren wieder zum ersten Male aufschlagen, müssen es neu entdecken, als ein unbekanntes Buch! sünes unbekannten Dichters1) in dessen große Welt sie als erste den Fuß setzen. Der Friedrich Schiller jener späten Leser hat keinen Zug des Zeitungs¬ und Polterabend-Schillers. Er ist kein „Klassiker". II. Die Bibel, die in anderen Kulturkreisen ihr Licht über jeden Bereich des Lebens ergoß und ^och ergießt, ist für uns Zionisten liberaler Herkunft ein Buch von wertlosester Berühmtheit geworden. Wertlos; denn ein Licht auf unsere Ideen und Lebensformen fällt wohl vom Werk Goethes oder vom Werk Stendhals; von der Bibel aber kein Schimmer. Und doch hören wir sehr viel, immer wieder, von der Bibel reden. Wir hören in Religionsstunden und liberalisierenden Predigten vom Pazifismus der Propheten, vom sozialen Geist der Thora, vom reinen Monotheismus des Moses, von der hygienischen Weisheit der Speisegesetze; kurz, von alledem, was einem verständigen Bürger zum Genuß der Bibel den Mund wässrig machen soll. Wir hören außerdem von phantasiebegabten Zionisten Volksmärchen und Heldensagen über biblische Gestalten. Dazwischen einen Schwall neomystischer Unverständlichkeiten über Schöpfungsgeschichte, Prophetentum, Gottesvolk. Dem entgegen noch von früher her die vom populären Sozialismus inspirierten Weisheiten über die Propheten als Gewerkschaftsführer und Vorläufer des Klassenkampfs, Uber den faulen Zauber des Deuteronomiunis u. s. w. Über dieses Gewirr erhebt sich die Stimme der öffentlichen nationaljüdischen Meinung: Wer nicht die Bibel kennt, ist kein rechter Jude. Niemand von uns hat das Recht, darauf zu antworten: Die Bibel geht mich nichts an. Und doch muß der traditionsfremde Jude, der heute sich ernstlich um den Zugang zur Bibel bemüht, gerade diesem unmöglichen Satz nach sich einstellen: Daß die Bibel ihn nichts angeht, daß er nie etwas über Bibel gehört hat; als wäre unser Thenach ein eben entdeckter babylonischer Text. Wir brauchen dieselbe Kraft des Vergessens gegenüber der Bibel wie gegenüber dem Werke Friedrich Schillers; wie jedem Gebilde gegenüber, das in unserem Kreis berühmt und doch nicht echt wirksam ist. Der Bruch der jüdischen Tradition, das ist das Schicksal, das wir erst restlos erkennen müssen, bevor wir uns den heiligen Schriften unserer Vorfahren nähern dürfen. Für die wenigen unter uns, die die Tradition „Thorah missinai" ungebrochen auch heute noch tragen, gilt nichts von dem, was hier gesagt wird, aber für alle andern muß betont werden: >) Man vergleiche eine Bemerkung Christian Morgensterns zu Schillers 100. Todestag in seinem Aphorismenwerlc „Stufen", Abschn. „Literatur". 89

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