Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425321-2425322-2425329--1344-2425608- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
FÜHRERAUS SP RA C H E Bibellesen. r. Es macht einen Unterschied, ob man ein berühmtes oder ein unbekanntes Buch liest. Wir haben dem unbekannten Buch gegenüber Verständnis und Einstellung ganz aus uns selbst zu schöpfen. Wenn das nicht gelingt, dann hat das Leben nichts bedeutet, und wir werden das Buch bald vergessen. Gelingt es aber, so haben wir das Buch zu eigen als einen Schatz, den wir selber gehoben haben: ein wundervoll persönlicher Besitz. Das berühmte Buch liest sich leichter und — schwerer. Wir haben Verständnis und Stellung dem Buch gegenüber beinahe schon, bevor wir es lesen: aus dem Eindruck, den es dem Ideenkreis unserer Umgebung aufprägt. So sind wir jedenfalls der Gefahr überhoben, das Buch ganz unverstanden weglegen zu müssen; denn jenes allgemeinen kulturellen Eindrucks sind wir sicher. Aber die Gefahr besteht, daß die Lobeshymnen der öffentlichen Meinung die eigene, feinere Stimme des Buches totschreien. Stendhals Werke beginnen im Kreise des Blau-Weiß berühmt zu werden. Wenn einer von uns sie heute zum ersten Male liest, so tut er es mit einer ganz bestimmten Hoffnung: eine ganz bestimmte Art von Menschen, von Gesellschaft, von Leben in einer ganz bestimmten Art dargestellt zu finden. Soweit gut! Stendhal pflegt in den Einleitungen seiner Novellen ja selbst diese Erwartung im Leser zu wecken; und er eriüHt sie — unter anderem, unter vielem anderen, was nicht mit ein paar allgemeinen Worten auszudrücken ist, was nicht erwartet wird — und was, fürchte ich, manchem unserer von vornherein begeisterten, nach der Lektüre noch viel begeisterteren Stendhalverehrern verborgen bleibt. Das ist freilich in diesem. Falle nur die Schuld oberllüchlichen und urteilslosen Lesens, nicht die Schuld der naturlichen Freude und Bejahung dem Dichter gegenüber, der im Kreise unserer Bildung mit allem Grunde zu den Klassikern zählen soll. Es gibt aber einen Grad von Klassizität und Berühmtheit eines Werks, der auch dpm selbständigen Leser den Zugang zum Werk fast versperrt. Dies Schicksal liegt auf den. Dichtungen Friedrich Schillers, die in tausende von Zitaten zerfeist uns beständig um die Ohren fliegen, von der Schulbank an, in Leitartikeln, Predigten und Polterabendscherzen. Die Meisten von uns haben nach dem Abitur den Don Carlos nicht mehr lesen können. 88