Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 7 (2.1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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einer raschen Entwicklung in diesem Belang völlig frei machen und sich auf ihre Vergangenheit besinnen. Unsere Vergangenheit zeige eigentlich nur eine Epoche schöpferischer Einheit, die Epoche der Bibel. Aber so sehr die Bibel ein Werk sei, das in vollendeter Zusammenfassung die Charakteristika der Nation und die Blütezeit ihrer Kultur aufweise, so wenig könne sie zur Anknüpfung für eine neue Kultur sümtliche Möglichkeiten bieten; sie ist schon zu weit entfernt von unserem gegenwärtigen Ausgangspunkt, Außerdem seien uns nur Kulturelemente erhalten, aber kein Bild der gesamten Kultur. Indem die bildende Kunst verboten war, beschränke sich die Kenntnis der Vergangenheit nur auf die Literatur. Andere Epochen seien noch weniger geeignet, uns eine umfassende Vorstellung einer einheitlichen Kultur zu vermitteln. Auch die neue hebräische Sprache könne als kulturschaff ende Er-' scheinung nicht genügen. Und das noch ungeformte Leben in Palästina kann uns nur Grundstein nicht Beipsiel sein für die Wiedergeburt jüdischer Kultur. Will man einen Einblick erlangen in den Prozeß des Wiederaufbaus einer Kultur, so muß man sich in die Epoche der „Renaissance" versenken. Die italienische Renaissance sei eine solche Bewegung, aus der man erkennen könne, was es bedeute, von der Sehnsucht nach der Wiedergeburt des Gewesenen aus das eigene Leben zu gestalten. Renaissance sei nur möglich,, wenn man in der Vergangenheit das große, ewig lebendige, immer zu er- , neuernde Beispiel sieht. Eine solche Sehnsucht entspringt einem fruchtbaren Mißverhältnis zur Gegenwart. Das Große der italienischen Renaissance liege nun darin, daß sie nicht nur das Beispiel der Antike nachgeahmt habe, sondern selbst zum Leben zeugenden Beispiel werden konnte. Zeigt die jüdische Vergangenheit solche Werte? Trotz ernsthaften Bemühens sei es bislang nicht gelungen, in den Kulturelementen der jüdischen Vergangenheit ein bildhaftbefruchtendes Beispiel aufzufinden. An die Einleitungsbemerkungen schloß sich eine sehr lebendige Debatte an. Eine Darstellung der jüdischen Bildungswelt vom Standpunkte der Tradition versuchte die jüdischen Kulturwerte als den Kern der Bildungsaufgaben des Blauweiß zu deuten. Die Formen der Vergangenheit, wie sie heute von der Orthodoxie getragen werden, seien von Sinn für Gegenwart und Zukunft des Bundes. Eine alte und längst der Geschichte des Blauweiß angehörende Problemstellung tauchte so aus der Erinnerung auf, aber sie blieb eben nur Erinnerung an eine einmal leidenschaftlich gefällte Entscheidung des Blauweiß. Stärker wurde versucht, vom Blickpunkt unserer Bildungswelt aus die Gedanken auf die neue hebräische Kultur zu richten und die ungenügende und unbefriedigende Stellung der meisten Menschen zur hebräischen Sprache zu fixieren. Die frühere Blau-Weiß-Parole vom „hebräischen Humanismus" könne heute nicht mehr bestimmend sein; damals sei man mehr von der Idee des Humanismus als vom Hebräischen selbst ausgegangen, mehr von den Forderungen der Bildung, als von der Entscheidung für die lebendige Kultur geleitet worden. Doch könne ein wesentliches Referat heute im Blauweiß noch nicht gehalten werden; eine umfassende Darstellung müßte nicht nur Ausschnitte und Maßstäbe zeigen, sondern dürfte nicht verzichten auf Interpretationen und Beispiele und müßte auch hier endgültige Maßstäbe im Sinne haben. Die Möglich- 52