Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 7 (2.1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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wirksam und dienstbar zu machen und ob es erreicht werden könne, jeden Menschen an den Platz zu stellen, den nur er nach besten Kräften auszufüllen vermöge. IIL Dem Eröffnungsabend folgte am Montag, den 24. Dezember die Auseinandersetzung mit dem ergänzten Bildungsreferal von Hohenberg. Georg Strauß faßte zur Einleitung noch einmal die Grundgedanken seiner damaligen Ausführungen zusammen. Der Begriff des Kanons wurde als die Richtschnur definiert, die in der Fülle des Möglichen eine klare Auswahl bestimmt: Die Dreiheit der Bildungsbereiche von Antike, Renaissance und Goethescher Welt, jene Kulturen, denen harmonische Geschlossenheit wie keiner zukommt, haben als gültiger Maßstab eines Bildungsideales gegen die mangelnde Einheit unserer Zeit zu stehen. Seit Hohenberg seien diese Gedanken im Bunde weitergeführt worden, die Gültigkeit des Kanons der Bildungswerte sei vor allem durch die drängende Frage der Stellung zur jüdischen Kultur aufs neue fraglich geworden, doch unterliegt die Bedeutung bindender Maßstäbe für die Erziehung unserer älteren Menschen Keinem Zweifel mehr. Indem man als Bildungsziel den wohl ausgebildeten, im Vollbesitz seiner Kräfte stehenden und mit sicherer Beherrschung handelnden Menschen feststellt, wird man finden, daß der Welt des neunzehnten Jahrhunderts eine einheitliche Auffassung von Bildung verloren gegangen ist. Eine solche einheitlich-bindende Vorstellung von Kultur und Bildung gibt es heute erst recht nicht mehr; bei der Auflösung des Wissens in Spezialistentum hat man den großen Blick verloren. So kommt man dazu, aus dem Bildungschaos unserer Zeit zurückzuschauen auf die Epochen, die eine einheitliche Bildung gekannt haben und gelangt dazu, einen Kanon der Bildungswerte anzustreben. „Kultur" sei eben nicht nur ein einzelner Zug einer Zeit, sondern gestalte sich aus dem Zusammenwirken von Mensch und Umwelt zur Harmonie von Geist und Natur. Indem man daran erinnern müsse, daß der Gedanke der allgemeinen Bildung dem Streben nach einer geschlossenen Vorstellung von Kultur entspringe, sei es erforderlich, zu wissen, daß die Aufstellung eines Kanons der Bildungswerte diesem Streben Richtung und Maß zu geben berufen sei. Es war für die Leipziger Aussprache über diesen Gedankengang wichtig, daß in der Untersuchung unserer Stellung zur jüdischen Kultur die Frage nacli dem Wesen einer Kultur an und für sich gestellt wurde. Kultur sei die Zusammenfassung aller wesentlichen Kräfte einer Nation in epochalem Geschehen; sie sei frei von jeder zweckhaften Bestimmung. Wolle man Kultur nur als nationales Mittel betrachten, so würde man ihren Begriff degradieren. Die jüdische nationale Bewegung wolle so schnell wie möglich zu einer neuen Kultur kommen, doch könne sie sich, von der Hast und vom Zweck geleitet, in den verschiedenen Bereichen — z. B. der Musik — eines Auswaiilnrinzips nicht bedienen. Die Zersprengtheit der nationalen Bewegung konnte bisher keine Einheit der Kultur ermöglichen.. Umsomehr muß sie sich, will sie Kultur schaffen, von der Vorstellung 51