Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 6 (1.1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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eine Form literarischer Ausschweifung steht meilenweit unter dem künstlerischen Wert und der menschlichen Verantwortung jener Romane. Stein für Stein ist von Balzac mit jedem seiner Werke aufeinandergesetzt worden, planvoll, zielsicher und mit unermüdlicher Kraft, bis im fertigen Gebäude der „Com£die humaine" das Leben einer ganzen Generation eingefangen war. Und in einer ähnlichen Leistung, wenn auch nicht mehr in einer Leistung von so ursprünglichem Wällen und von so gigantischem Ausmaß — das auch Rodin seiner Balzac- Statue gegeben hat —, sah sich die Gesellschaft des zweiten Kaiserreichs in den 20 Bänden der „Rougon- Maquart" von Zola dargestellt und erkannte sich in ihnen selbst. Der französische Roman ist kein bloß naturalistischer Ausschnitt des Lebens, un coin de nature, sondern ein Höherwerten des Lebens, ein kraftvoller Sang von einer herben Feierlichkeit, nicht minder als es die beschwingten Rhythmen der früheren Dichter waren. Wie diese werden auch die Werke die wir im Sinn haben, von der Eindringlichkeit eines Ethos getragen, das den empfänglichen Leser in seiner Tiefe anrührt und ihm neuen menschlichen Gehalt zuträgt. Die Redlichkeit und die umfassende Klarsicht, mit der hier die Menschen des 19. Jahrhunderts zu Gestalten geformt werden, erhebt sie zu jener Ebene künstlerischen Wahrheit, auf der nur die große Kunst emporwächst. In ihnen ist die Zerspaltenheit, Unrast und Isoliertheit der modernen Seele durchaus entwickelt, aber sie ist eingeschränkt und wird im Zusammenhang der Gesellschaft gemildert, der für alle auch innerlich verbindlich ist. Auch die Menschen Stendhals sind mit der Schicht, aus der sie stammen, mit der Umgebung und der Zeit, in der sie leben, unauflöslich verbunden. Sie sind noch nicht ganz die Menschen des 19. Jahrhunderts und besitzen daher von vornherein eine weit weniger starke Gebrochenheit. Es ist gerade das besondere Kennzeichen, es macht die Einzigartigkeit der Kunst Stendhals aus, daß seine Gestalten von dem reinen Feuer, das in ihrer Mitte brennt, bis in die feinste Veräderung ausgeglüht sind. Mit einem Wort, sie sind: Naturen. Fabrice del Dongo und Julian Sorel, die Sanseverina und das Fräulein von La Mole, die Menschen Stendhals werden nicht, sie sind. Sie ändern sich nicht, sondern leben bis zu ihrem Ausgang in jener Helle und Klarheit, in jener Selbstverständlichkeit und heidnischen Unbeschwertheit, die sie in die Wiege gelegt bekamen. Sie kennen keinen Konflikt zwischen Geist und Tat, s?e sind gänzlich aktive Menschen und immer auf ein Tun aus. Selbst beseelt von der unerhörten Leidenschaft eines feurigen, aber adligzuchtvollen und stolzen Herzens, gestaltet Stendhal sein Werk in einer wohlbemessenen Reihe von Variationen zu dem einen Thema der natürlichen Größe. Nicht die Bezwingung von Widerständen, nicht das Außerordentliche von Leistungen macht Stendhals Menschen zu Helden, das Heldenhafte in ihnen liegt vor jeder Bewährung. Sie bestehen aus einem Stoff, desser. metallene Härte nichts Alltägliches ist, und strahlen in ihrem Reichtum den Glanz jener Ursprünglichkeit von Wesen aus, die „mit den Augen der Götter sehen". Es ist kein Zufall, daß Stendhals Jugend mit dem Aufstieg Napoleons zusammenfällt, daß der siebzehnjährige vier Tage nach 36