Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 6 (1.1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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dem ersten Konsul den St. Bernhard überschreitet und nach dem Abschied im Jahre 1802 in den Tagen von Jena erneut in kaiserliche Dienste tritt, bei. Wagram mitkämpft und im Kreml Audienz erhält. Der Hauch von antikem Heroentum, der mit Napoleon ganz unerwartet in die bürgerliche Atmosphäre Europas eindringt, ist der Glut seiner Seele verwandt und nährt die Welt seiner Ideen und Gestalten. Noch in den 30 er Jahren bekennt er im Schlußsatz einer autobiographischen Skizze, daß er in seinem ganzen Leben keinen Mann geachtet hat außer Napoleon Bonaparte. Dazu verurteilt, in den jämmerlichen Ängsten und Kleinlichkeiten der Restaurationsepoche fortzuleben, wird er nicht müde, für die Wenigen, to the happy few, immer wieder die weltschaffende Kraft der heroischen Existenz darzustellen, wo immer er sie findet. Und er rindet sie mit der Gabe tiefer psychologischer Beobachtung, die schon Burckhardt*) gerühmt hat, im Italien der Renaissance. „Die Sitten des sechzehnten Jahrhunderts waren in wunderbarer Weise geeignet, Menschen zu schaffen, welche dieses Namens würdig waren", heißt es in der Äbtissin von Castro. Menschen, so kann man erklärend fortsetzen, die aus einem Guß sind, voll von Selbstbewußtsein und Tatendrang, nur vom Gesetz der eigenen Person bestimmt und mit Leidenschaften erfüllt, die nicht gehemmt und noch nicht gänzlich sublimiert sind. Die Sprachkunst, über die Stendhal verfügt, um seine Welt zu formen, ist dieser angepaßt wie ein guter Rock dem Körper. Selbst in der *) Kultur der Renaissance, Sechster Abschnitt, i. Cap. Übersetzung ist dem Stil noch nachzuempfinden, wie sehr er aBes Geschraubte und Gezierte, alles Weichliche und alle unnütze Fülle verabscheut. „Während ich an der Kartause schrieb", so lautet die berühmte und vielzitierte Stelle aus dem Brief, den Stendhal zur Antwort auf die bedeutungsvolle Kritik der „Kartause von Parma" dem Verfasser schickte, — es war Balzac; ... „da las ich alle Morgen zwei oder drei Seiten im Bürgerlichen Gesetzbuch, um in die rechte Stimmung zu kommen und immer natürlich zu sein. Ich suche mit Wahrheit und Klarheit zu erzählen, was in meinem Herzen vorgeht." Sowenig ein bloßes Interesse am Stoff, sowenig hat Stendhal die Absicht, mit artistischen Reizen zu prunken, zu seinem Werk geführt. Die Bedeutung seines Werks, das unsere Lebenskräfte erhöht, liegt darin, daß Stendhal mit ihm ein nicht mehr zu vergessendes Bild von menschlicher Größe aufgestellt hat. Eine deutsche Biographie Stendhals gibt es zum Glück noch nicht, und die französischen sind nach dem Urteil der Kenner sehr mittelmäßig. Deutsche Gesamtausgaben werden vom Inselverlag, vom Georg Müller-Verlag, vom Propyläenverlag und von Eugen Diederichs herausgegeben. Die Lebensdaten Stendhals verschafft man sich am besten aus der auch sonst hervorragenden Sammlung der unter dem Titel Das Leben eines Sonderlings erschienenen autobiographischen Schriften (Inselverlag). Ihr Herausgeber Arthur Schurig ist auch der Obersetzer des Hauptwerks Rot und Schwarz (Inselverlag) und des zweiten großen Romans, der Kartause von Parma (Propyifienverlag). Die 37