Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 6 (1.1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425321-2425322-2425327--1289-2425551- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mus des goldenen Topfs, über den Grünen Heinrich bis zu Thomas Buddenbrook, — sind erfüllt voh der Innerlichkeit einer aus dem eigenen Selbst keimenden und sehr allmählich werdenden Persönlichkeit, sie sind mehr geneigt zu selbstbeschaulicher Träumerei, . kindlichem Optimismus und privater Bildung, als dazu, die Welt tapfer zu erkennen und sich mit ganzer Kraft in ihr Getrietfe zu stürzen. Die Menschen des deutschen Romans leben fast immer im Gegensatz von Innen und Außen, von Empfinden und Handeln; wenn sie auch die Konflikte nicht suchen, so haben sie doch , kein Vertrauen zu einer Überbrückung, die den eigenen Anspruch um so tatkräftiger erfüllt, um so tatkräftiger sie selbst sich in die Gesellschaft einzuordnen trachten und ihre tatsächlichen Forderungen zu den ihren zu machen vermögen. Die Gegensätze des deutschen Menschen und des deutschen Geistes s ind auch die Gegensätze des deutschen Lebens. Ein ständiges und unmittelbares Verknüpftsein der Idee mit der Tat, das alle Gesichtspunkte und Erfordernisse des Staates zu einer nicht von oben her erzwungenen, sondern von unten her benötigten Einheit mit den Hoffnungen des einzelnen Bürgers verschmelzen müßte, eine einheitliche öffentliche Atmosphäre, der Mutterboden für eine echte opinion publique, ja, die Existenz einer geformten Gesellschaft überhaupt sind, jedenfalls in der Bedeutung und sicheren Bildung des europäischen Westens, im deutschen Leben bis zum heutigen Tage nicht aufzuweisen. „Nicht wie das französische Individuum scheint selbst das gebildete deutsche ein treues Abbild seiner Volksgesamtheit, eine verkleinerte nationale Harmonie; der Deutsche ist fast immer nur wie die an sich leicht mißtönig klingende, scheinbar unordentliche Einzelstimme aus der großen allzu reich harmonisierten Fuge des deutschen Gesamtwesens, indessen uns in jedem Romanen ein Hauch der klaren Melodie seines Volkes versöhnend und verdeutlichend mitzuschwingen scheint" (Bertram*). Wo nun beim Franzosen das Verhältnis von Individuum zu Gemeinschaft—, wie auf anderer Ebene das von Volk zu Staat — keineswegs in jener leidvollen Unerfüllbarkeit auf ihm lastet wie auf dem Deutschen, obgleich es seine Problematik durchaus nicht verloren hat, so hat sich der französische Künstler, subjektiv und objektiv, stets mehr im Einklang mit seiner Nation gewußt als etwa der deutsche. Selbst der französische Schauspieler „lebt, eine Generation auf die andere, das gesellschaftliche Leben seines Volkes mit. Nicht so der .deutsche, denn die Nation hat kein ausgeprägtes, und die wertvolleren dichterischen Produkte entstammen nicht dieser Sphäre" (Hofmannsthai**). Der französische Roman des neunzehnten Jahrhunderts ist das Epos der modernen Gesellschaft. Man muß ein so hohes Wort gebrauchen, um dieser besonderen Leistung des französischen Geistes gerecht zu werden, um sie deutlich gegen die leichtsinnige und belanglose Fabrikation abzugrenzen, die mit dem Begriff gewöhnlich verbunden wird. Oberflächlicher Genuß, seichte Unterhaltung, erkünstelte Farbenspiele und mit der Meisterschaft des Kunstgewerbes erdachte Seelenakrobatik, kurz, irgehd- •) Emst Bertram, Nietzsche, Versuch einer Mythologie. Bln. 1921; S. 77. **) Shakespeare und wir, Inselalmannch auf 1917, S. 52. 35