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Blau-Weiss-Blätter · 1924-01-01 · 6 (1.1924) · page 34

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
1 (1923-1924) Neue Folge
Issue
6 (1.1924)
Date
1924-01-01
Page
– (sequence 34)
Language
German
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ästhetischen Leistung, seiner menschlichen Haltung, seiner kulturellen Absicht halber von den Nachfolgenden an den Beginn einer neuen Entwicklung gestellt wurde. Einer Entwicklung, die mit erstaunlicher Kraft und einer dem deutschen Geist unbekannten Zielstrebigkeit von ihm über Balzac zu Flaubert, von Flaubert zu Zola führte und erst in der letzten Qeneration vielfältig gebrochen wurde. Gegenüber einer so glänzenden Entfaltung erscheint die Geschichte des Romans in den Ländern aller anderen nationalen Kulturen, selbst auch in Rußland, weit weniger klar und umfassend, und als Frucht eines Vergleichs mag das Urteil gewagt werden, daß der eigentlich große Roman nur in Frankreich geschaffen worden ist. Eine Betrachtung des nicht-musikalischen künstlerischen Schaffens in den letzten beiden Jahrhunderten muß den Franzosen sowieso die Vormachtstellung sichern. Wie früher um Rom, so kreisten von den Tagen Ludwigs des Vierzehnten an bis zum Ausbruch des Weltkrieges nicht nur Mode und Laune der Künstler, sondern in fast ununterbrochener Folge auch der tiefere Formwille der ringenden Generationen um Paris. Auf mehr als einem Gebiet des öffentlichen Lebens und der kulturellen Erscheinung hat sich der Satz Rankes') bewährt, daß „unter den neueren Völkern keines einen mannigfaltigeren und anhaltenderen Einfluß auf die übrigen ausgeübt hat, als das französische." Im romanischen Grundcharakter der französischen Kultur hat die Fähigkeit zur klaren Gestaltung, zur Ausreifung der Form, zur Ausgestaltung einer höchst präcisen und biegsamen Sprache •) Französische Geichichte, I. ihre Wurzeln tiefer geschlagen als in Anlagen und im Erbe der germanischen Völker. Von der epigrammatischen Weisheit des alten Goethe hat über den unerbittlichen Bekennertrotz Nietzsches hinweg bis zur Analytik der heutigen Literaten noch jeder nachdenkliche Deutsche die lateinische Formkraft des französischen Geistes mit schmerzlicher Bewunderung anerkannt. Und die Franzosen haben sich ihrerseits bemüht, in der Vergangenheit jenen „sens construetif", jenen Sinn für Ordnung und klassisches Maß zu entdecken, der ihren Äußerungen bereits im 16. Jahrhundert die vollkommene Klarheit gibt. Darüber besteht kein Zweifel, daß die Franzosen auch innerlich ein älteres Volk sind als die Deutschen, daß das Widerspruchsvolle, Unberechenbare, Formlose im deutschen Wesen dieses noch nicht zur Besinnung auf die ihm gemäßen Grundaufgaben geführt hat und die Reife eines in strahlender Helligkeit sich entfaltenden, wirklichkeitsnahen Geistes nicht zuläßt, „Si je ne vois pas clair, tout mon monde est aneanti", - dieser für ihn selbst und für die französische Sehart charakteristische Ausspruch Stendhals* trifft mit einem Schlag die Diesseitigkeit und die Festigkeit der Umrisse, die dem deutschen Geist abgehen. Statt dessen ist ihm „über alles Wirkliche hinaus ein beständiges Einatmen des Jenseitigen, Verborgenen" (Hugo v. Hofmannsthal**) eigen, und die Gestalten der großen deutschen Romane im 19. Jhdt. — vom Wilhelm Meister, von den Figuren Jean Pauls über den Taugenichts und den Ansel- *) Brief an Balzac. *•) Einleitung in die vier Bände seiner Sammlung „Deuüche Erzähler", die im Inselverlag erschienen sind. 34

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