Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 6 (1.1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegenden der Welt getragen haben. Die Bewegung wird in einem Augenblick rückläufig, in dem die kolonialen Niederlassungen zu innerlich unabhängigem Gemeinwesen werden. Sie beginnen sich gegen ihre äußere Abhängigkeit vom Mutterland zu wehren und konstituiren sich schließlich als freie Staaten mit eigner Entwicklung und eigenem Machtanspruch, wenn sie schöpferisch sind, auch mit eigener Formenwelt (Amerika). Als erste Einführung in die Kolonialgeschichte ist das Buch von Valentin sehr gut zu brauchen. Nach einem Oberblick über die Epochen der modernen Kolonialgeschichte, der spanisch-portugiesischen, der holländischen (1598—1670), der französischenglischen (1670—1783), der britischen (1783—1876) und der "planetarischen", werden die kolonisatorischen Unternehmungen der einzelnen Nationen im Einzelnen verfolgt; das letzte Kapitel dient der Darstellung der deutschen Kolonisation. Literaturangabe, Statistik und Zeittafeln, wie üblich, als Anhang. Die Ereignisse werden in großen Leitlinien miteinanderverknüpft und vom Gesichtspunkt des politischen Historikers aus auf ihre Bedeutung für die Geschichte kritisch untersucht. Die Darstellung ist beinahe essayistischgeistvoll und liefert mit anschaulicher Plastik historische Porträts von Menschen und Faktoren. Columbus, die spanischen Conquistadoren, der Graf von Nassau-Siegen (übrigens auch Erbauer des Mauritshnis im Haag), Lord Curzon, Cecil Rhodes und Leopold II. von Belgien erwachsen über alle Erwartungen, die man an ein akademisches Buch knüpft, zu greifbar lebendigen Gestalten. Ebenso erhebt sich die Schärfe, mit der etwa die Konstellation der englischen Politik nach Beendigung des siebenjährigen Krieges oder das Faschoda-Ereignis gezeichnet, mit der die Bedeutung Indiens dargestellt wird usw., weit über das gewöhnliche Niveau der Charakteristik. Das Unakademische in der Anlage und die kultivierte, funkelnde Sprache wird niemand als Vorwurf empfinden. Ganz im Gegenteil 1 Unter dieser glänzenden Oberfläche verbirgt sich aber die Dogmatik eines Standpunktes die den Vorzügen des Buches Abbruch tut. Der Expansionsdrang, der die Staaten zu Kolonialbildung geführt hat, wird auf sich selbst zurückgeführt, und jeder Untergrund ' jedes Mitbeteiligtsein aus wirtschaftlichen Motiven weithin abgewiesen. „Der koloniale Gedanke, wie ich unter Ablegung ökonomischer Auffassungen immer wieder betone, ist seit Beginn der Neuzeit ein Ausfluß des Staats- und Machtgedanken gewesen (S. V.)." Die Stellen ließen sich außerordentlich vermehren, an denen mit deutlicher Überspitzung nationale und wirtschaftliche Interessen in Gegensatz gebracht werden. Am Beispiel der portugiesichen Kolonien, des Schicksals der ostindischen Kompagnien (Niederiändisch-ostindische K.; East India Company) u.s.f. wird nachgewiesen wie der Geschäfts-und Krämergeist den Niedergang des Staates und seiner kolonialen Kraft bedingt haben. Warren Hastings wird als der „Typus des schonungslosen und niederträchtigen Geschäftsengländers" (S. 128) gebrandmarkt. Sei dem wie es sei, auch wir sind geneigt, die oberste Gewalt, die Idee des Staates | in allem wirklichen Leben als bindendes Gesetz anzuerkennen. Die Emanzipation der Wirtschaft, die wir im heutigen Deutschland mit so erschreckenden Konse- 32