Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 6 (1.1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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man sähe, fühlte, selbst empfände oder anwendete: oder endlich, die durch zu Qberhäuftes, schwächliches, verstreutes Lesen sich selbst aufopfern! O greise, schwache Beschaffenheit der Seele! Der Magen verdorben: die Natur geschwächt: die Seele keinen wahren Hunger, also auch keinen wahren Appetit zur Speis0, also auch keine starke völlige Verdauung^ also auch keine gesunde Nahrung. Wie ist ihm zu helfen? Wenig e3sen, viel Bewegung und Arbeit, d. h. wenig Lesen, viel Oberdenken, mit einer gewissen Stärke und Bündigkeit und dann Oben, Anwenden. Wie wenn dazu meine Reisen dienten? Da komme ich in die Notwendigkeit, nicht immer lesen oder vielmehr lesend schlendern zu können, da muß ich tagelang ohne Buch bleiben. Da will ichs mir also zum Gesetz machen, nie zu lesen, wenn ich nicht mit ganzer Seele," mit vollem Eifer, mit unzerteilter Aufmerksamkeit lesen kann. Hingegen . will ich alsdann an das, was vor mir liegt, denken, mich von der gräulichen Unordnung meiner Natur heilen, entweder zu sehr voraus, oder zu spät zu denken, sondern immer die Gegenwart genießen. Alsdann wenn ich das Buch ergreife — nicht anders, als mit voller Lust und Begierde, sodaß ich endlich so weit komme, ein Buch auf einmal so lesen zu können, daß ich ganz und auf ewig weiß, für mich und wo ich gefragt werde, wo ichs anwenden soll, und auf welche Art auch die Anwendung sein möge. Ein solches Lesen muß Gespräch, halbe Begeisterung werden, oder es ist nichts! —^ Herder, Journal meiner Reise im Jahre 1769. (Suphanschö Gesamtausgabe. Bln. 1878. Vierter Band, S. 460 f.) Veit Valentin, Koioijialgeschichte der Neuzeit. Ein Abriß. Tübingen, J. C. D. Mohr, 1915. 226 Seiten 2 Karten. Wenn wir über Geschichte sprechen, so meinen wir Darstellung und Ent- , vvicklung von Formen, die das Leben der abendländischen Völker angenommen hat; der große Orient scheint nur in einem übertragenen Sinn eine Geschichte aufzuweisen, erregt das Interesse unseres Geschichtssinnes nicht um seiner selbst willen, sondern nur um der Beziehungen halber, die vom Abendland zum Orient hin- und zuweilen auch zurückgehen. Die Kulturen der afrikanischen Primitiven, der Inkas und des alten Mexiko werden, abgesehen von dekadenten Liebhabereien des Augenblicks, zur eigentlichen „Welf-Geschiclite als nicht zugehörig betrachtet. Erst das XIX. Jahrhundert vermag den Kreis der Geschichte über die alten Völker Europas hinaus auszudehnen und bietet mit dem Anblick einer größeren Welt zum 1. Mal echte Weltprobleme dar: Fragen, die irgendwo aufgeworfen, nicht auf ihre Ursprungsstätte lokalisiert bleiben, sondern selbsttätig die Umwelt in Erregung versetzen, um schließlich die gesamte Erde zu umspannen. Eine solche Wandlung, deren reifes Stadium erst durch den Weltkrieg symbolisiert wird, ist dem ungeheuren Expansionsdrang der europäischen Völker zu verdanken, die seit der Renaissance in immer steigendem Maße als Kolonial-Völker die Kultur Europas in die fernsten und „unerforschten" 31