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Blau-Weiss-Blätter · 1924-01-01 · 6 (1.1924) · page 10

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
1 (1923-1924) Neue Folge
Issue
6 (1.1924)
Date
1924-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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erklärt sich, abgesehen von den ständig anwachsenden Erfordernissen der objektiven und subjektiven zionistischen Situation einerseits geschichtlich aus der mit dem zunehmenden Alter des Blau-Weiss immer mehr steigenden Bedeutung des formalen Gemeinschaftslebens als solchem, dessen Traditionen ein immer größeres Gewicht erhielten. Es war ganz einfach so (und wird immer so sein), daß in Bünden mit starkem Leben, dieses Leben und dessen eigene Gesetzlichkeiten eine viel stärkere Rolle spielen mußte als in solchen mit weniger starkem Bundesleben, wo alle Kraft, die erzeugt wurde, gewissermaßen der Idee zur Last fiel. Andererseits lag dieser Haltung eine bestimmte (übrigens ganz moderne) philosophisch-weltanschauliche Erkenntnis zu Grunde, nämlich die Erkenntnis vom Wert des Lebens, rein als Funktion, ohne Rücksicht auf alles Substantielle. Und man muß allerdings verstehen von welcher nur schwer genügend hoch einzuschätzenden Bedeutung diese Erkenntnis gerade für unsere Zeit und für unsere Menschen ist. die bekanntlich in ihrer gesamten geistigen Konstitution „von Hause aus" nur allzusehr intellektualislisch, also im entgegengesetzten Sinne eingestellt sind. Was also hier gezeigt wurde, war der Wert stärksten Erlebens der Dinge, zunächst ganz ohne Rücksicht auf die Beschaffenheit dieser Dinge selbst, der Wert der Leidenschaft gegenüber der Erkenntnis, der begeisterten Hingabe gegenüber sachlicher Aufnahme und Beurteilung, der Tat gegenüber dem Gedanken, der Kraft gegenüber der Richtung. Und so ist es denn nicht zufällig, daß diese Erkenntnisse, deren Verwandtschaft mit den innersten Triebfedern jeder nationalen Bewegung nicht zu verkennen ist, in unsern Kreisen so tiefwirkende Aufnahme gefunden haben. Nur einen Fehler beging man dabei, einen übrigens bei uns sehr häufigen und sehr charakteristischen Fehler: man machte aus der Antithesis eine Thesis, man betonte das eine und vergaß das andere, statt zu einer Synthesis zu kommen, statt beide Erkenntnisse zu vereinen. Das mußte dann ganz" naturgemäß zu den problematischen Erscheinungen führen, die sich im Verlauf der Entwicklung ergeben haben und die sich fast alle zurückführen lassen auf zwei miteinander verwandte Eigentümlichkeiten der geistigen Haltung unserer Menschen: ein deutlicher Anti-Rationalismus und im Zusammenhang damit ein ausgesprochener Anti-Moralismus. Natürlich konnten solche Strömungen nicht auf das persöniiehe Innenleben unserer Menschen beschränkt bleiben, sondern mußten auch die gesamte Politik des Bundes in stärkstem Maße in ihren Einflußbereich ziehen. Und so richtig es zweifellos ist und so überaus leicht zu beweisen, daß an sich berechtigte Tendenzen negativen Charakters ihren Sinn und Wert verlieren und höchst gefährlich werden, sobald sie, die entstanden sind aus der Zwecksetzung, eine bestimmte geistige Gewalt in die Grenzen ihres Kompetenzbereiches zurückzuweisen, nun ihrerseits die ihnen gezogenen natürlichen Grenzen überschreiten und statt der ihnen zukommenden negativen auch positive Geltung beanspruchen — so fragwürdig ist es andererseits doch eigentlich, solche Tendenzen gedanklich widerlegen zu wollen. Denn es ist klar, daß solche Strömungen ihren Ursprung nicht in irgendwelchen rationalen Erkenntnissen haben (sonst müßten nämlich unsere Leute zum nicht unerheblichen Teil Dummköpfe sein!) 10

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