Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- Editorial
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Kuppeln ihrer Kirchen, zogen in schneller Aufeinanderfolge an uns vorbei; denn wir hatten es eilig, um noch vor Beginn der Dunkelheit ins Quartier zu kommen. Drei Kilometer von Mergentheim in einem kleinen Dörfchen, dessen Name wohl jedem von uns unvergeßlich sein wird, machten wir halt. Suchend durchschritten wir die Dorfstraße; — nirgends konnten die Scheuern den Segen des Sommers fassen, geschweige denn noch sieben Leute, die unvermutet kamen. Die Schatten der Häuser wurden länger und länger, und wir suchten immer noch. In einem Hofe fragte man uns nach der Bedeutung der Blau-Weiß- Nadeln. „Jüdischer Wanderbund Blau-Weiß" antworteten wir. „Ja, seid ihr denn alle Juden?" „Natürlich!" „Auch der Große da?" „Auch der." „Wißt ihr denn auch, was morgen für ein Tag ist?" „Tischa b* aw." Wie sollten wir es nicht wissen! Und nun stellte es sich heraus, daß nicht nur jene Leute Juden waren, sondern daß in Edelfingen eine ganze jüdische Gemeinde bestand, fünfundzwanzig Familien, die eine eigene Synagoge hatten. Unsere Freude war groß, den nächsten Tag im Kreise der Unsern verleben zu dürfen, und wir beeilten uns, die Vorbereitungen, die nötig waren, zu treffen. So gut es ging, machten wir uns zurecht, und mit allerdings geborgten Hüten gingen wir geschlossen in die Synagoge. Wir wurden immer noch mit Verwunderung betrachtet; denn es war entschieden etwas Neues für die Leute, daß jüdische Jungen wie Wander-, vögel wanderten und trotzdem ihr Judentum betonten. Aber beim Gottesdienst umschloß uns bald das Band der gemeinsamen Trauer um den Fall des Tempels in Jerusalem. Das war das Gefühl, das uns beherrschte und uns den Tag weihte. Und noch eine Beobachtung war für uns wertvoll und erfüllte uns mit Stolz. Die Männer, zwischen denen wir saßen, waren nicht wie jene vergrämten, nervösen Ghettowesen der Großstadt, sondern aufrecht und breitschultrig, und der Schweißgeruch körperlicher Arbeit, der engen Berührung mit dem Boden, ging von ihnen aus. Sie waren Bauern. Und wir, die wir nun schon fast drei Wochen gewandert waren, und die wir bemüht sind, uns frei zu machen von dem, was von der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes uns seinen Stempel aufgedrückt hat, sind ebenfalls Zeugen für die lebendige Kraft, die in unserem Volke verborgen ist. — 28