Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- Editorial
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425321-2425331-2425332--1423-2425479- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
genug brachte man nasse Kleider und kalte Füße nach Hause. Aber die Welt war so bunt und jung, überall Leben und rührige Kraft, die Luft voll Gesang und Gezwitscher unzähliger Vögel. Man konnte nicht anders als singen und wandern, getrieben von der tief en Sehnsucht, die in uns Stadtmenschen von Urzeiten her wieder erwachte: eins werden mit der Mutter Natur, zur Mutter Erde zurückzukehren, von der die Kraft und das Leben der Völker stammen. Uns stadtgewohnten Juden wurde der Sinn unseres Wanderns plötzlich klar und die tiefe Tragik der großen Wanderung unseres Volkes. V. Darüber haben wir manchmal gesprochen, abends beim Schein der Lampe oder draußen, wenn wir am Rande der Nuthewiesen des Singens müde waren. Nur wenn man mehrere Tage unterwegs ist, im Heim oder auf der Fahrt lernt man sich so recht kennen. Diese Abendstunden, die wir miteinander verplauderten, waren uns allen ein Gewinn. Wir erzählten von Fahrten und Rasten, von Erlebtem und Erhofftem. Und mit Freude fühlten wir Aelteren, wie jung wir eigentlich noch sind, wie sehr wir Blau-Weiße alle zusammengehören, mögen wir 15 Jahre alt sein oder 25. Man hat im Wandervogel viel über dies Verhältnis von „Alten" und „Jungen" gesprochen und geschrieben. Uns ist die Frage nicht brennend. Ein festes Band der Kameradschaftlichkeit und des Vertrauens verbindet Wanderer und Führer. Es ist mehr als nur eine harmlose Nachlässigkeit, wenn man sich im Heim etwa von einer Arbeit drückt in dem frohen Bewußtsein, daß die Andern es ja schon machen werden. Unser Wandergeist verlangt, daß wir für einander einstehen, nicht, daß wir einander ausnutzen. Karl Glaser Bericht vom Unkraut L Die Frühjahrsaussaat ist vorüber, die Kartoffeln und Rüben sind gesteckt und bis zum ersten Heuschnitt im Juni sind wohl noch sechs Wochen Zeit. Was beginnt der Bauer jetzt, da er doch nicht ganz faulenzen 7